Berlin (dpa) - Das Berliner Nachtleben der 1920er! Schampus, Freizügigkeit, Avantgarde. Vieles aus der Zeit gilt heute als legendär. Die Komische Oper lässt mit dem Stück Heute Nacht oder nie die Revue der Weimarer Republik aufleben. Die Rollen sind plakativ, die Show ist leicht und unterhaltsam.

Da räkelt sich die Lesbe - gespielt von einem Mann - im schwarzen Samtkleid. Seine Haare hat er in Wasserwellen gelegt, die Augenbrauen überzeichnet. Der Bonze schiebt im aufgeplusterten Anzug der Hure Geld zu. Und der Beamte wünscht sich, einmal möcht' ich keine Sorgen haben. Die exzentrischen Charaktere singen Lieder des jüdisch-russischen Komponisten Mischa Spoliansky (1898-1985).

Regisseur Stefan Huber hat die Figuren fast expressionistisch angelegt. Sie stünden stellvertretend für gesellschaftliche Gruppen dieser Zeit, sagt Huber. Er inszenierte für die Berliner Bühne auch schon die Operette Clivia, ebenfalls im Stil der Vergangenheit. Er sieht Parallelen von den 20ern und frühen 30ern zu heute.

Diese Zeit erlebe immer mal wieder eine Renaissance. Ich glaube nur, dass wir heute politisch näher dran sind, sagt er. Auch heute gebe es Umwälzungen und Veränderungen, die politische Überforderung und eine große Vergnügungssucht mit sich brächten. Ich glaube, da braucht man ein Ventil. Man dürfe nicht nur das negative Ergebnis der Weimarer Republik sehen, sondern auch die Kreativität der Szene.

In der Kultur wird immer wieder auf die Epoche zurückgegriffen. Auch momentan. In der U-Bahn haben manche wieder Christopher Isherwoods Leb wohl, Berlin in der Hand, das Buch war Vorlage für den Film Cabaret. In den Läden sieht man den wiederentdeckten Roman Käsebier erobert den Kurfürstendamm von Gabriele Tergit (1931).

Und Studenten der Universität der Künste entwickelten gerade einen Spaziergang, mit dem man alten Cafés der Berliner Bohème nachspüren kann. Dozent Paul Brodowsky sagt, er wisse nicht, warum die Zeit gerade wieder präsenter sei. Das sei womöglich ein Wunsch, an das Berlin vor der NS-Zeit und vor der deutschen Teilung anzuknüpfen. Man spüre einen Drang nach Urbanität und Lust am Experimentieren.

Ähnlich sieht das der Historiker Daniel Morat von der FU Berlin: In den 1920er Jahren war Berlin eben die drittgrößte Stadt der Welt, mit einem großen Nachtleben, sagt er. Das hätten wir heute gerne wieder. Aber jetzt haben wir Easyjet und Partytouristen. Was damals das Grand Hotel gewesen sei, sei heute das Hostel.

Neben der Lust am Vergnügen sieht Kulturwissenschaftler Brodowsky noch eine andere Parallele. Es ist, glaube ich, vielen Leuten bewusst, dass wir heute in politischeren Zeiten leben als etwa in den 1980ern. Er wolle das nicht eins zu eins vergleichen, aber auch in der Weimarer Republik sei heftig politisch debattiert worden. Veränderungen auf der einen Seite, Vergnügen auf der anderen also?

Die Komische Oper jedenfalls liefert mit der neuen Revue einen leichten Abend zum Abschalten. Wo es an echter Handlung fehlt, halten einen die Figuren bei der Stange. Auf der Bühne stehen etwa das Kabarett-Trio Geschwister Pfister und Schauspieler Stefan Kurt. Dirigent Kai Tietje sitzt mit dem Orchester direkt auf der Bühne. Wenn sich die Hure mit ihrem Hinterteil dann etwas ulkig gegen den Beamten schiebt, giggeln vor allem die älteren Zuschauer.

Berlin feiert sich mit dem Stück natürlich auch selbst. Es gibt Gags zu Spandau (wieder Gekicher in den Reihen). Die Lieder von Spoliansky, der später vor den Nazis floh, können aber herrlich amüsant sein. Wenn die beste Freuuuundin, mit der besten Freuuundin sang schon Marlene Dietrich. Für die Erotiktänzerin Anita Berber schrieb er nach Angaben der Komischen Oper das Lied Morphium. Anita Berber, so heißt heute übrigens ein Nachtclub in Berlin.

Komische Oper zu "Heute Nacht oder nie"

   

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