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Moliere Die Niedertracht triumphiert

Die Inszenierung des Polen Krysztof Minkowski steckt voller vitaler Aktualität. Sein „Tartuffe“ am Magdeburger Theater ist ein Erlebnis.

Von Rolf-Dietmar Schmidt 03.04.2016, 23:01

Magdeburg l Da hätte vermutlich auch der alte Molière Beifall geklatscht. Jahrelang hat er um den „Tartuffe“ gekämpft. Zweimal wurde er verboten, schließlich in einer entschärften Fassung doch aufgeführt. Über die Urfassung gibt es jede Menge Spekulationen.

Regisseur Krysztof Minkowski hat sich das Ringen um das Stück des Altmeisters der französischen Komödie, der zeitweise Hofausstatter des französischen Königs, Jurist, Schauspieler oder Theaterdirektor war, auch mal nach einer Theaterpleite in Schuldhaft saß, ohne jede falsche Scheu zu eigen gemacht.

Er hat kräftig in die Zeilen gegriffen, gekürzt, geändert, aus fünf Akten ein durchgängiges Schauspiel gemacht, Musik eingebaut und mit dem veränderten Schluss auch noch einen künstlerischen Paukenschlag gesetzt. Man kann es nur erahnen, aber dieser Mut, sich über Althergebrachtes einfach hinwegzusetzen, das hätte Molière bestimmt gut gefallen.

Und nicht nur dem. Der interpretatorische Freiraum hat offenbar auch die Schauspieler angesteckt. Die Spielfreude war förmlich zu spüren, wenn Sebastian Reck als Hausherr Orgon, Iris Albrecht als seine Frau Elmire oder Jenny Langner als Zofe Dorine als zentrale Figuren der Komödie das Geschehen mit enorm viel Präsenz vorantrieben.

Und dieses Geschehen war im Frankreich des 17. Jahrhunderts gesellschaftlicher Sprengstoff. Da ist eine brave bürgerliche Familie zu Reichtum gekommen. Die Familienmitglieder sind den Genüssen eines ausschweifenden Lebens durchaus gewogen. Das ändert sich schlagartig, als der frömmelnde Betrüger Tartuffe, in der Urfassung soll es ein Geistlicher gewesen sein, das Vertrauen des Hausherren erschleicht. Der verfällt dessen scheinbar unerschütterlicher Tugend, die für ihn gleichzeitig eine Art Absolution ist. Die übrigen Familienmitglieder beschließen, Tartuffe zu entlarven, denn der fromme Mann ist gar nicht so fromm.

Das ist ein schwerer Hieb Molières nicht nur gegen die Dekadenz der bürgerlichen Gesellschaft, sondern vor allem gegen die „dévots“, eine äußerst einflussreiche Partei seiner Zeit, die sich die „Frommen“ nannten. Während Orgon unter dem Einfluss des Betrügers nicht nur seinen Sohn Damis (sehr überzeugend Philipp Quest) verstößt, sondern sogar seine Tochter Mariane, von Sonka Vogt hervorragend in ihrer passiven Duldsamkeit zwischen Gehorsam und Liebe gespielt, mit Tartuffe verheiraten will, stellt der Rest der Familie mit Ausnahme von Madame Pernelle (sehenswert Gisela Hess) eine Falle.

Das ist die große Stunde der Iris Albrecht in der Rolle der Ehefrau Elmire, die den Nachstellungen des Tartuffe zum Schein nachgeben soll, während Ehemann Orgon im Nebenraum mithört.

Die Liebesfalle schnappt zu, Orgon erkennt den Betrug und alles scheint sich zum Guten zu wenden. Doch Tartuffe hat vorgebaut, sich in den Besitz von Papieren gebracht, die den Hausherren beim König schwer belasten.

Konrad Schaller, für Bühne und Kostüme verantwortlich, arbeitet ebenso wie Micha Kaplan (Musik) schon länger mit Krysztof Minkowski zusammen.

Man versteht sich, einer unterstützt die Intentionen des anderen mit seinen Mitteln: das Geheimnis für die Geschlossenheit der Gesamtwirkung dieser Inszenierung. Alles spielt sich auf einer schrägen Bühnenebene ab. Was nicht festgefügt ist, setzt sich in Bewegung, stürzt in einen imaginären Abgrund.

Dieses Sinnbild für den Absturz der Werte der Gesellschaft wie der Art und Weise menschlichen Verhaltens bezieht den Zuschauer zusammen mit dem Bühnengeschehen unmittelbar ein. Hier und jetzt, du und du, ihr seid gemeint! Tartuffes Schrei in das Publikum, an jeden Einzelnen in den Reihen, ist Klage und Anklage. Der Betrüger ist Täter und Opfer zugleich. Ralph Opferkuch in der Titelrolle versteht es meisterhaft, diese Ambivalenz zu verkörpern.

In der Originalfassung des „Tartuffe“ von Molière wird der Frömmelnde letztendlich nicht nur entlarvt, sondern auch verhaftet. Das aber wollte Minkowski so nicht stehen lassen. Mit erhobenen Händen jagt in seiner Inszenierung Tartuffe die Familie aus dem Haus. Die Geste des Siegers: Die Niedertracht hat schließlich doch triumphiert! Aktueller geht es nicht.