Hamburg - Wenn Engel und Elfen reden könnten - hier hätten sie viel zu erzählen.

Denn von ihrer erhabenen Höhe an der Decke eines privaten Tanzsaals aus dem späten 19. Jahrhundert waren die graziösen Geistwesen aus Stuck und Pastellfarbe in den vergangenen 25 Jahren Zeugen von rund 2500 wohl meist angeregten und anregenden Veranstaltungen voller intellektuellem Tiefgang.

Weltberühmte Schriftsteller wie Salman Rushdie und Nobelpreisträgerin Herta Müller, Siri Hustvedt und Philosoph Peter Sloterdijk, dazu Verleger, Buchhändler und Wissenschaftler sind vor meist bildungsbürgerlichem Publikum zu Lesungen, Gesprächen und Literarischen Salons zusammengekommen. Oft haben auch Kinder und Jugendliche entsprechende altersgerechte Angebote wahrgenommen.

Das Literaturhaus Hamburg, feierlich eröffnet am 12. September 1989, residiert in einer spätklassizistischen Reihenhausvilla mit Gartenblick an der vornehmen Außenalster. Zum Geburtstag steigt dort am kommenden Samstag (6. September) ein großes Lesefest. Zu den Autoren, die zugesagt haben, gehören Larissa Boehning, Annette Pehnt, John von Düffel und Erwin Koch.

Viele Menschen verknüpfen Literatur vor allem mit Lesen im stillen Kämmerlein. Doch war es wohl die Sehnsucht nach solchen Live-Erlebnissen mit Autoren und ihren Büchern, die Mitte der 80er Jahre zur Gründung des Vereins Literaturhaus, bald darauf zur Etablierung des zweiten deutschen Literaturhauses nach Berlin geführt hat. "Man kann das nicht wirklich erklären. Heute denken viele, Literaturhäuser habe es schon immer gegeben", sagt Rainer Moritz, Chef seit 2005, "dabei gab es früher nur das Format der Autorenlesung, das die Häuser allerdings bis heute prägt. Dann aber scheint unter Lesern und Buchhändlern der Wunsch aufgekommen zu sein, der Literatur einen festen Ort, ein Zentrum zu geben - zumal in Großstädten", reflektiert der Germanist, Literat und frühere Hoffmann und Campe-Verlagsleiter, "dieser Wunsch scheint immer noch vorhanden zu sein."

Den damals verfallenen Patrizierbau am Schwanenwik, in dem schon Tanzschulen und Mädchenheime untergebracht waren, erwarb "Zeit"-Verleger Gerd Bucerius (1906-1995) mit seiner Stiftung, ließ ihn gemeinsam mit der Stadt Hamburg sowie weiteren Mäzenen restaurieren und stellte ihn dem Verein mietfrei zur Verfügung. Vermietungen an ein Restaurant, eine Buchhandlung, das Literaturzentrum und den Börsenverein des Deutschen Buchhandels sorgen seither für Einnahmen. Die Institution lebt dazu von Geldern ihrer 750 Trägervereins-Mitglieder sowie den Abendkassen-Erlösen. Zum inhaltlichen Profil tragen Themenreihen bei wie "Das Philosophische Café", "Literatursoirée" und "Bildbeschreibungen". Eine Brücke nach Skandinavien schlagen alle zwei Jahre die "Nordischen Literaturtage".

Um den Nachwuchs an Schreibern und Lesern kümmert sich etwa "Das Schreiblabor". Literaturhauschef Moritz, der schon Bücher über Fußball und Schlager verfasst hat, will bei aller Vermittlung und Förderung des Anspruchsvollen und Experimentellen das eher elitäre Image weiter abbauen. So hat er Krimis und seit zwei Jahren stark frequentierte Graphic-Novel-Tage ins Programm gesetzt. Letzteres auch, um die Jugend als Literaturfans und Besucher von morgen anzusprechen. "Daran müssen wir arbeiten, denn wie viele Kulturinstitutionen haben wir tendenziell ein gesetztes 50plus-Publikum", erklärt er.

Nicht bange scheint es Moritz auch in Zeiten von Internet und Amazon um die Zukunft der Literatur zu sein. "Natürlich gibt es viele Probleme, etwa die Infragestellung der Buchpreisbindung", sagt der 56-Jährige, "doch abgesehen davon, dass das Netz den Autoren zu ihrer Selbstvermarktung dienen kann - ich sehe keinerlei Anzeichen dafür, dass das Interesse am Lesen nachlassen wird."

Wunschlos glücklich ist der geborene Schwabe natürlich auch nicht. Noch immer sucht er den Mäzen, der seinen Jahresetat von gut einer Dreiviertelmillion mit 50 000 Euro unterstützt - denn er ist auch für den Erhalt der denkmalgeschützten Immobilie zuständig. Und die glänzt nicht nur mit Engeln, Elfen und Marmorsäulen, sondern meldet sich auch gern mal mit kaputten Leitungen.