Frankfurt/Main - Marcel Reich-Ranicki hat sich mit seiner Frau Tosia gerne an Weihnachten von der gemeinsamen Freundin Eva Demski bekochen lassen. Diese Runde hat die Köchin nicht vergessen.

Schon deshalb, weil ihr einmal im Kochtopf die aufwendigen Brezn-Knödel zerfielen, als der "Literaturpapst" sie zeitgleich am stilvollen Esstisch "zusammenfaltete". Demski hatte zu sagen gewagt, ihr gefalle die weihnachtliche Josephslegende nicht, wie die Schriftstellerin nach dem Ableben Reich-Ranickis in einem amüsanten Beitrag für die "FAS" verriet. Gut eineinhalb Jahre nach dem Tod des Großkritikers sind Biedermeier-Tisch und -Stühle Demskis nun Teil einer Ausstellung zum 95. Geburtstag (2. Juni) Reich-Ranickis in Frankfurt.

Zu den Prunkstücken gehören auch Möbel von "MRR": Sein Schreibtisch oder der lederne Lesesessel - umrahmt wird er wie einst beim Meister zu Hause in dessen Wohnung im Frankfurter Stadtteil Dornbusch von den Autorenporträts, die Reich-Ranicki leidenschaftlich gesammelt hat. Er hat alle, die er pries oder noch öfter verriss, um sich gruppiert. "Lauter schwierige Patienten" hatte sie der Kritiker genannt, der auch selbst nicht als pflegeleicht galt.

Den Romanen des vor kurzem verstorbenen Günter Grass war er nur selten wohlgesonnen. Der Literaturnobelpreisträger und begabte Grafiker rächte sich an Reich-Ranicki mit einer Zeichnung von vier blubbernden Butts - eine Anspielung auf das "Literarische Quartett" im ZDF, dessen Moderator und Entertainer Reich-Ranicki fast 14 Jahre lang war. Ein Monitor zeigt in Endlosschleife Ausschnitte aus der legendären Reihe, die das ZDF im Herbst wiederbeleben will.

Der "geistigen Familie" hat die Ausstellung die "leibliche Familie" gegenübergestellt. Viele Fotos zeigen das Privatleben mit einem eher unbekannten Reich-Ranicki: Beim unbeschwerten Spielen mit seinem kleinen Sohn Andrew bis hin zu entspannt wirkenden Urlaubsbildern aus Dänemark und den Alpen. Andrew Reich-Ranicki, der heute in Schottland als Mathematikprofessor lebt, hat die Familienalben geöffnet und rund 200 Bilder zur Verfügung gestellt

Eines der eindruckvollsten Fotos zeigt Reich-Ranicki, wie er 1945 die Trümmer des zerstörten Warschauer Ghettos besucht, das er durch seine Flucht zusammen mit seiner Frau überlebte. Er blieb nach dem Krieg zunächst in Polen - von einigen Jahren in England abgesehen. 1958 siedelte er dann in die Bundesrepublik um. Zwanzig Jahre zuvor hatte der Sohn einer bürgerlichen jüdischen Familie Berlin verlassen müssen. Er war von Nazi-Deutschland nach Polen ausgewiesen worden.

Nutzen konnte die Familienfotos auch Uwe Wittstock, der zum 95. Geburtstag seine "MRR"-Biografie überarbeitet hat. Darin macht der einst unter Reich-Ranicki bei der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung" arbeitende Journalist deutlich, dass "MRR" zeitlebens wohl immer ein Außenseiter geblieben ist. Anfangs verwehrte ihm Deutschland, dessen Literatur er so sehr liebte, die Zugehörigkeit. Später habe er davor immer zurückgeschreckt, auch wegen des Schicksals seiner Familie.

Sein Trauma hat Reich-Ranicki, dessen Frau Tosia im April 2011 starb, in unaufhörliches Arbeiten umgewandelt. "Mit seiner ungeheuren Produktivität hat er sich sein Leben erschrieben", sagt Wolfgang Schopf. Der Leiter des Literaturarchivs der Universität Frankfurt hat zusammen mit Wittstock die Schau kuratiert. "Sein Leben" heißt die Ausstellung - und spielt damit auf den millionenfach verkauften Bestseller "Mein Leben" von Reich-Ranicki an.