München - Ein junger französischer Matrose wird von seiner Crew versehentlich an der australischen Ostküste zurückgelassen. Verloren in der Wildnis, nimmt ihn ein Aborigines-Stamm auf.

Er lernt die Sprache der Eingeborenen, ihre Sitten und Gebräuche. 18 Jahre später wird der Franzose ebenso zufällig wieder entdeckt - nackt, tätowiert und ohne Kenntnisse seiner Muttersprache. Selbst seinen Namen hat er vergessen. Mühsam muss er zu seiner alten Identität zurückfinden. Dies ist die Geschichte in François Gardes Roman "Was mit dem weißen Wilden geschah". Sie klingt fantastisch, ist aber so tatsächlich passiert.

Der junge Matrose hieß Narcisse Pelletier (1844-1894), und seine ebenso tragische wie abenteuerliche Biografie weckte schon im 19. Jahrhundert die Neugier der Wissenschaft. Wie war es nur möglich, wunderte man sich, dass ein "höher stehender" Weißer sich einer Steinzeitkultur so sehr anpassen konnte, dass er darüber seine eigene Herkunft und Sprache vollständig vergaß? Diese Frage treibt auch die - erfundene - Hauptfigur des Romans um.

Der Entdecker und Wissenschaftler Octave de Vallombrun, der sich des "weißen Wilden" annimmt und ihn nach Frankreich und zur Familie zurückführt, kann nicht glauben, dass man seine Zivilisation einfach so ablegt wie ein gebrauchtes Hemd: "So wie der Wilde, der inmitten von Weißen lebt, ihre Lebensweise annimmt, so bewahrt sich der Weiße, der unter Wilde gerät, jahrelang die Errungenschaften der Zivilisation - mit der einzigen bekannten Ausnahme, die deshalb umso faszinierender ist: Narcisse."

Vallombrun begleitet seinen Schützling voller Engagement zurück auf dem mühsamen Weg zur Zivilisation. Er bringt ihm nach und nach wieder die französische Sprache bei, klärt ihn über gesellschaftliche Umgangsformen und den westlichen Kleidungsstil auf. Mit der Zeit aber dämmert dem Wissenschaftler, dass nicht nur Narcisse ein Lernender ist, sondern auch er selbst. Vallombrun erkennt, dass Narcisse ein völlig anderes Zeitgefühl hat, in dem etwa die Zukunft keinerlei Bedeutung hat. Zukunft ist für den "weißen Wilden", wenn die Sonne aufgeht, mehr nicht.

Besonders unverkrampft ist Narcisses Haltung zur Sexualität. Der Sexualakt ist für ihn einfach etwas, das Freude macht, Schuld- oder Schamgefühl kennt er nicht, Prostitution ist ihm kein Begriff. Man merkt, wie Vallombrun ins Grübeln kommt: Ist die angeblich niedrige Kultur wirklich immer die Schlechtere? Während Vallombrun bei der Wiedereingliederung des "weißen Wilden" immerhin einige Fortschritte erzielt, scheitert er vollkommen als Wissenschaftler: Er bekommt so gut wie keine Informationen über das Leben des gestrandeten Matrosen bei den Eingeborenen. Narcisse verweigert sich auf ganzer Linie.

Hier ist der Leser glücklicher als der frustrierte Forscher. Denn in einem zweiten Erzählstrang bereitet Garde genau diese Geschichte auf. Wir erfahren, wie Narcisse halb verdurstet und verhungert von einer alten Aborigines-Frau aufgelesen und aufgepäppelt wird, wie einsam und verlassen sich der Franzose zunächst unter den nackten Fremden mit ihren verstörenden Sitten fühlt, wie er brutal auf die Stufe eines unwissenden Kindes zurückgestoßen wird, bis er sich langsam anpasst, um den Preis, dass sein altes Ich langsam verdämmert. Aber es ist die einzige Chance zu überleben.

François Garde ist mit seinem preisgekrönten Debütwerk (Prix Goncourt für den ersten Roman) nicht nur ein wunderbarer Abenteuerroman gelungen. Es ist auch ein Buch, in dem ganz wesentliche Fragen gestellt werden: Was bedeutet Herkunft? Was ist Identität? Was ist eigentlich Zivilisation? Seine außergewöhnliche Geschichte bringt scheinbare Gewissheiten ins Wanken.

François Garde: Was mit dem weißen Wilden geschah, C.H. Beck Verlag, München, 320 Seiten, 19,95 Euro, ISBN 978-3-406-66304-8