München - Segelboote kreuzen auf dem Wannsee. Familie Kypscholl hat sich im Salon ihrer Villa am Ufer versammelt. Es gibt Bowle und Schlager mit Flügelbegleitung. Lale Andersen singt "Lili Marleen".

Sohn Otto schenkt seiner Mutter zum Geburtstag ein von ihm gemaltes Bild des Hauses. Die Nazis regieren schon ein paar Jahre, aber noch ist die Weltlage so, dass er sich der Hoffnung hingeben darf, auch künftig Zeit fürs Malen zu haben. Sein Vater Hermann würde den jungen Mann lieber in seiner Firma sehen. Tatsächlich ist es mit der Geburtstagsidylle bald vorbei, mit der Norbert Leithold seinen Roman "Herrliche Zeiten" beginnt.

Ottos Bild für seine Mutter haut Hermann aus Wut noch am Geburtstag kaputt. Der Unternehmer, der einem jüdischen Erfinder das Patent für Elektrorasierer geklaut hat und nun prächtige Geschäfte mit der Wehrmacht macht, ist auf dem Höhepunkt seines Erfolgs: Hermann Kypscholl, ein gemachter Mann, der zeigt, was er hat. Er hat kein Verständnis dafür, dass seine Frau Elisabeth ihrer frühzeitig beendeten Karriere als Opernsängerin nachtrauert und sein Sohn am liebsten Kunst studieren will. Und seine Tochter Anna, die sich für Rassenkunde begeistert und für die Forschungen der SS zur Erbbiologie, ist ihm fast genauso fremd.

Leithold hätte seinen jüngsten, inzwischen vierten Roman, auch "Die Kypscholls" nennen können. "Roman einer Familie" lautet der Untertitel, der ein bisschen an "Verfall einer Familie" erinnert, wie Thomas Mann seine "Buddenbrooks" charakterisierte. Und auch sonst gibt es so manche Parallele: Die Kypscholls sind wie die Buddenbrooks zu Geld und Ansehen gekommen. Selbst der Konflikt zwischen den künstlerischen Talenten und den prosaisch-geschäftstüchtigen Familienvertretern findet sich bei beiden Autoren.

Aber Otto Kypscholl wird kein Künstler, im Gegenteil: Im Zweiten Weltkrieg ist er damit beschäftigt, Kunst zu rauben, im Auftrag des Nazi-Ministers Hermann Göring. Otto ist im zerbombten Warschau genauso unterwegs wie im besetzten Paris oder in Leningrad, Teil einer skrupellosen Einheit, die Museen und Privathäuser nach wertvollen Gemälden durchkämmt.

Und auch nach dem Krieg wird es nicht viel anders: Künstler wird Otto nicht mehr, aber mit Kunst macht er weiter Geschäfte, als Deutschland längst zweigeteilt ist. Seine Schwester Anna lebt nun in der DDR. Otto bleibt in West-Berlin - und behandelt seinen Sohn Karl bald genauso von oben herab, wie er es selbst bei seinem Vater erlebt hat. Und Karl reagiert mit den gleichen Gefühlen: Hass und Verachtung.

Leithold beschreibt das Schicksal der Kypscholls über mehr als drei Jahrzehnte, von den Nazis bis zu den Studentenunruhen in den späten 1960er Jahren. Die parallel erzählten Geschichten über Otto und seine Schwester Anna sind oft gelungene Momentaufnahmen, nicht zuletzt aus der Zeit der deutsch-deutschen Teilung. Aber der Roman erscheint insgesamt eher als Fleißbarbeit denn als literarisch herausragend.

Die Geschichte einer Familie über mehrere Generationen zu erzählen, ist keine schlechte Idee. Aber Thomas Mann hatte sie ja auch schon: Die "Buddenbrooks" erschienen 1901. Mann hat den Literaturnobelpreis dafür bekommen. "Herrliche Zeiten" fällt im Vergleich dazu deutlich ab.

- Norbert Leithold: Herrliche Zeiten. Roman einer Familie. Deutsche Verlags-Anstalt, München, 527 S., 22,99 Euro, ISBN 978-3-421-04620-8.