Hamburg - Neue Bücher zum Ersten Weltkrieg gibt es in diesem Jahr viele. Die meisten davon konzentrieren sich auf Diplomatie- und Militärgeschichte.

Richard van Emden macht das nicht. Der Historiker und Journalist aus London hat ebenfalls eine dicke Studie vorgelegt: "Mit dem Feind leben. Alltag im Ersten Weltkrieg". Aber er legt den Fokus nicht auf die Entscheidungsträger, die politischen oder militärischen Eliten, die Kaiser und Könige, Reichskanzler und Premierminister, Generäle und Befehlshaber. Van Emdens Perspektive ist eine ganz andere, und gerade das macht die Stärke des Buches aus.

Er erzählt die Erlebnisse von Kriegsgefangenen oder von Deserteuren. Er lässt Frontsoldaten von Begegnungen mit dem Feind berichten, bei denen sie sich zwischen den Schützengräben Zigaretten schenken - oder an Heiligabend Weihnachtslieder singen. Er lässt Briten zu Wort kommen, die während des Krieges in Deutschland lebten und umgekehrt Deutsche, die nach Großbritannien ausgewandert waren. Van Emden hat in Archiven beider Länder geforscht, viele biografische Texte ausgewertet, aber auch mehr als 270 Veteranen befragt. Und weil er Fragen stellt, die andere noch nicht gestellt haben, gelingt es ihm, eine ungewohnte Sicht der Geschichte zu präsentieren.

Die Tage vor Kriegsbeginn beispielsweise lässt er aus der Perspektive von Reverend Henry Williams Revue passieren, Geistlicher an einer anglikanischen Kirche mitten in Berlin: "Eigentümlich bedrückt und allein" fühlte der sich, als er auf seinem Weg nach Hause kriegsbegeisterte Männer in den Bierlokalen und Restaurants schwadronieren hört. "Denn offenbar hatte nur ich den unheimlichen Todesengel gesehen, der an diesem Abend wartend über einer grölenden, dem Untergang geweihten und geblendeten Menschenmenge in Deutschlands Hauptstadt schwebte."

Intensiv hat sich van Emden auch mit dem Schicksal derjenigen befasst, die den Krieg im jeweils gegnerischen Ausland erlebten, so wie Richard Noschke etwa: Der Deutsche wohnte seit einem Vierteljahrhundert in London, war mit einer Engländerin verheiratet und sprach perfekt Englisch. Aber nach Kriegsbeginn durfte er sich plötzlich nicht mehr als acht Kilometer von seiner Wohnung entfernen und das Haus nach 21.00 Uhr nicht mehr verlassen.

Sein Chef entließ ihn, seine nächste Stelle behielt er nur vier Tage. "Schon bald begannen die Zeitungen eine Hasskampagne gegen alle Deutschen in England", schrieb er. "Jeder galt als Spion." Die mörderische Gewalt in den Schützengräben spiegelte sich in dem ausländerfeindlichen Klima, das schnell auch den Alltag an der Heimatfront dominierte.

Wie Angehörige einer Nation, die als Kriegsgegner galt, oft auch in der öffentlichen Wahrnehmung pauschal zu Feinden wurden, dafür hat der Historiker etliche Beispiele gefunden - auch aus Deutschland. Allerdings - und noch erstaunlicher - gab es auch immer Gegenbeispiele: von Soldaten, die die offiziellen Feindbilder nicht teilten und zum Beispiel gefangene Gegner fair oder sogar freundschaftlich behandelten beispielsweise.

Van Emdens besonderes Interesse am deutsch-britischen Verhältnis während des Krieges ist kein Zufall: Der britische Historiker hat auch deutsche Wurzeln. Seine Großmutter Margarethe zog in den 1930er Jahren nach Großbritannien. Van Emden hat ein Foto von ihr ganz am Schluss des Buches eingefügt: Darauf ist sie 1924 beim Studium an der Universität Leipzig zu sehen, hinter ihr steht Ernst Jünger. Der ehemalige Weltkriegs-Offizier wurde mit seinem Buch "In Stahlgewittern" nicht nur in Deutschland berühmt. Es erzählt den Krieg als heroisches Epos. Bei van Emden hört sich das ganz anders an.

- Richard van Emden: Mit dem Feind leben. Alltag im Ersten Weltkrieg, Hoffmann und Campe, Hamburg, 430 S., 22,99 Euro, ISBN 3-978-3-455-50311-1