Berlin - Die besten Freundschaften bleiben einem selbst manchmal ein Rätsel. Gleich zu Anfang seines Briefwechsels mit dem Literaturnobelpreisträger J.M. Coetzee zeichnet der Schriftsteller Paul Auster ein ziemlich kurioses Bild vom Mysterium Männerfreundschaft.

Denn obwohl Männer so ungern über ihre Gefühle redeten, und folglich nicht wissen könnten, "wie der Freund sich fühlt, oder was er empfindet, oder warum er etwas empfindet, wie kann man dann ehrlicherweise sagen, dass man seinen Freund kennt? Und doch haben Freundschaften in diesem Nebel des Nichtwissens oft jahrzehntelangen Bestand".

Vor mittlerweile sechs Jahren haben die beiden Literaten Coetzee und Auster begonnen, so etwas wie eine Brieffreundschaft auf Zeit zu pflegen. Drei Jahre lang haben sie sich regelmäßig geschrieben und das Ergebnis nun in Buchform veröffentlicht. Der große Reiz für den Leser (und Fan) besteht dabei darin, jenseits ihrer Werke, einen Einblick in ihre Arbeit, ihren Alltag, aber auch ihre Vorlieben und Sorgen zu bekommen. Die Briefe drehen sich um Sport, Liebe, Essen, Kritik oder auch Politisches.

In "Von hier nach da" gelingt dem Amerikaner Auster (67) und dem Südafrikaner Coetzee (74) ein sehr persönlicher und offener Dialog, der aufgrund der eher knapp gehaltenen Briefe nie langatmig oder zu eitel zu werden droht. Stattdessen gewährt der Literaturnobelpreisträger und zwei Mal mit dem Booker Prize ausgezeichnete Coetzee unter anderem einen überraschenden Einblick in seine eigene Hilflosigkeit im Umgang mit Lesern, die nicht zwischen Romanfigur und Autor trennen können. Als ihm eine Leserin die antisemitische Bemerkung einer Protagonistin in "Zeitlupe" als persönliche Überzeugung auslegt, weiß Coetzee nicht, was er der Ungeheuerlichkeit des Vorwurfs entgegen halten, und ob er überhaupt darauf reagieren soll.

Immer wieder rücken die beiden aber auch eigene Befindlichkeiten ins Zentrum ihrer Überlegungen. Etwa wenn Coetzee seine Sorge vor den ersten Anzeichen für ein mögliches Nachlassen der geistigen Kräfte schildert. Oder die gesundheitlichen Folgen, die das unstete Leben als Literaturstar - der bei Reisen aus dem fernen Australien ständig Zeitzonen überwinden muss - mit sich bringt: eine jahrelange zermürbende Schlaflosigkeit.

Doch es sind nicht nur die persönlichen Belange, ihre Erfolge und Niederlagen, die die beiden umtreiben. Auch die Finanzkrise und der Nahostkonflikt sind Themen, die beide beschäftigen - und mehr oder weniger ratlos zurücklassen. Spannend wird der gemeinsame Austausch über Politik, wenn beide als kompetente Zeitzeugen über Vorgänge in ihrem jeweiligen Heimatland schreiben. Etwa die Schilderungen Coetzees über das sich im Bewusstsein einiger weniger bereits 1980 abzeichnende Ende des Apartheid-Regimes. Damals schon seien "intelligente Menschen in der Regierung und der Armee" zu der Erkenntnis gelangt, dass sich das Machtmonopol der Weißen nicht ewig würde aufrechterhalten lassen. "Was sie davon abhielt, das öffentlich zu sagen, war eine wohlbegründete Furcht, ins politische oder berufliche Abseits befördert zu werden."

Ebenso hadert Paul Auster mit der Rolle der USA in der Welt, aber auch im Inneren, etwa der Entscheidung des Obersten Gerichtshofes nach der Präsidentschaftswahl 2000, "dem Fiasko Gore gegen Bush". Mit einer höchst umstrittenen Entscheidung zur Auszählung der Stimmen in Florida hatten die Richter damals Al Gores Hoffnungen auf das Präsidentenamt beerdigt und stattdessen George W. Bush den Weg ins Weiße Haus geebnet. "Der Oberste Gerichtshof hat unter der Maske vollkommener Gesetzestreue einen Staatsstreich der Republikanischen Partei ermöglicht", schreibt Auster. Ein "intellektueller Betrug", der ihn so sehr verbittert habe, dass "ich es noch zehn Jahre danach kaum verwinden kann".

Paul Auster und J.M. Coetzee: Von hier nach da, Briefe 2008 - 2011. Frankfurt, Fischer Verlag, 286 Seiten, 14,99 Euro, ISBN 978-3-596-19687-6