Berlin - Erst fiel nur ein Flip-Flop von Aza vom Balkon ihres Münchner Krankenhauszimmers - dann schmiss sie ihre gerade geborene Tochter Luisa einfach hinterher.

Dieser Tag hat für Luisa, genannt Lulu und Hauptcharakter in Stefanie Kremsers neuem Roman "Der Tag, an dem ich fliegen lernte", einen guten und einen schlechten Aspekt. Der Gute ist, dass zufällig der liebevolle, aber beherzt zupackende Brite Fergus dort steht, wo sie eigentlich nach ihrem Sturz hätten landen müssen - Geburt und Tod hätten dann gerade einmal vier Stunden auseinandergelegen.

Das Schlechte wiederum ist, dass von Aza seit diesem Moment jede Spur fehlt. Kaum hat sie ihre Mutter zum ersten Mal erblickt, ist Lulu auch schon wieder mutterlos. Immerhin ist da noch ihr Vater Paul, ein mittelloser, in einer Wohngemeinschaft vegetierender Biologiestudent. Und nicht zu vergessen die weiteren WG-Insassen Irene, Fergus und Max. Die eine - die Befangene, weil irgendwie in Paul verliebt - macht Lulu das Leben möglichst schwer, während der andere - der Fangende - ihr am liebsten die Welt zu Füßen legen möchte. Der Künstler Max wiederum verwandelt Lulus WG-Kinderzimmer in einen Zaubergarten mit einer auf der Wand aufgemalten, schillernden Dschungellandschaft.

Dass Lulu diese Landschaft bald in natura erleben darf, dafür sorgt die Vergangenheit ihrer verschwundenen Mutter. Gemeinsam mit Papa Paul beginnt für das kleine Mädchen eine lange Suche nach Aza, die gleichzeitig die Suche nach einer Antwort auf die große Frage ist: Warum hat sie Lulu aus dem Fenster geworfen?

Spätestens als Lulu im Alter von vier Jahren fragt, ob sie nicht auch eine Mama hätte ("Wie all die anderen aus dem Kindergarten?"), geht dem Leser vollkommen das Herz auf. Die Liebe, die Stefanie Kremser in jeden einzelnen Satz ihres dritten Romans legt, erinnert unweigerlich an die Schreibkunst von Kremsers Ehemann Jordi Punti. Wie der Katalane Punti in "Die irren Fahrten des Gabriel Delacruz" erzählt auch die in einem deutsch-bolivianischen Haushalt in São Paulo groß gewordene Kremser die grenzenlose Geschichte eines Erzeugers, der auf rätselhafte Weise seine Familie verlässt - nur eben völlig anders.

Während Punti seine Charaktere durch die europäischen Metropolen Barcelona, London, Paris und Frankfurt reisen lässt, schickt Kremser Lulu und Paul nach Bayern und nach Brasilien. Beziehungsweise: nach Bayern in Brasilien.

Klingt irritierend, ist aber in gewisser Weise ein Stück deutsche Geschichte: Tausende Deutsche wanderten vor mehr als 150 Jahren nach Südamerika aus, um dem Ruf "In Amerika wird Land verschenkt!" zu folgen und den vermeintlichen Traum des Auswanderers zu leben. Statt im erhofften Norden Amerikas leben sie im Süden in abgeschotteten Siedlungen, die Kremser beschreibt als "Insel im grünen Meer des Atlantikdschungels, isoliert von den sonstigen Bewohnern des Landes, ignorant gegenüber der Sprache und den Gepflogenheiten". Die Fuchsmayrs, Kirgls und Stangassingers arbeiten fortan auf Plantagen und werden zu "bayerischen Indianern in Brasilien".

Die deutsche Bevölkerung von Teilen Brasiliens ist ein seltenes, aber lesenswertes Thema, das kurioserweise selbst bei der Fußball-WM vor ein paar Wochen nicht mal eine Randnotiz darstellte. Dabei wird geschätzt, dass heute etwa jeder zehnte Brasilianer deutsche Vorfahren haben soll.

Vor diesem Hintergrund hat Stefanie Kremser eine spannende und kurzweilige Familiensaga konstruiert, die den Leser bei Luisas Abflug aus dem Krankenhaus mit einem Schuss Horror begrüßt, in der Studenten-WG fast die Gestalt eines Jugendromans annimmt und zu keiner Zeit mit Liebe geizt. Alles zusammengenommen ist Kremser ein sehr emotionales Buch gelungen - das schließlich in der Szene gipfelt, in der Paul leise sagt: "Das ist Luisa."

- Stefanie Kremser, Der Tag, an dem ich fliegen lernte. Kiepenheuer & Witsch, Köln, 304 Seiten, 19,99 Euro, ISBN 978-3-462-04705-9.