Buenos Aires - Als Susana am Morgen zu ihrem Termin gekommen ist, hat sie sich sofort über den neuen Einrichtungsgegenstand ihres Stammfriseurs hergemacht: ein weißes Regal voll mit Büchern.

Seit einer Woche steht das "clevere Möbelstück", wie Inhaber Gabriel es augenzwinkernd bezeichnet, im grell beleuchteten Wartebereich des Salons "Gabriel Oyhanarte Style & Beauty" in Recoleta, einem edlen Stadtteil von Buenos Aires. "Das Bücherregal schenkt dem Raum viel Wärme. Kunden fragen mich immer wieder, wer diese gute Idee hatte", freut sich Gabriel.

Die Idee kommt von der Stadt Buenos Aires. "Leyendo Espero" ("Ich warte beim Lesen"), so nennt sich die Aktion, die das Lesen im Volk populärer machen möchte. Zwölf Friseurläden aus verschiedenen Vierteln der argentinischen Hauptstadt beteiligen sich bereits am Projekt - es sollen bis zu hundert werden.

Jeder teilnehmende Salon erhält von der Stadt ein quadratisches Regal auf Rädern, das mit 150 Titeln - von Weltliteratur über Regionales bis hin zu Poesie - bestückt ist. Abhängig vom Klientel konnten die Inhaber unterschiedlich stark gewichten, ob Kultur, Sport, Geschichte, Zeitgeschehen, Krimis, Liebesromane oder Comics stärker vertreten sein sollen. So finden sich beispielsweise im Salon "Georgeo" in der ruhigen Familiensiedlung Núñez viele Kinderbücher. Die Kleinen können durch eine Art Memory entscheiden, ob lieber Aschenputtel, Rapunzel oder ein anderes Märchen von ihren Eltern vorgelesen werden soll, während der Friseur an ihren Haaren tüftelt.

Wenn Besucher möchten, können sie eigene Literatur ins Regal stellen, erklärt Initiator Mateo Niro: "Bücher werden dann nicht mehr nur mit Freunden geteilt, sondern auch mit Fremden, die vielleicht denselben Geschmack haben. Ziel ist es, dass ein reger Austausch zwischen Nachbarn entsteht." Daher auch die skurrile Wahl der Friseurläden, wo gewöhnlich in intimer Atmosphäre viel geredet wird. "Warum dann nicht über Bücher?", so Niros Gedanke.

Als Mitarbeiter der Stadt Buenos Aires leitet er das Programm "Bibliotecas para Armar", aus dem die Spenden für Friseurbibliotheken entspringen. Das Kulturprojekt versucht, Bücher aus traditionellen Orten wie Museen oder Bibliotheken herauszuholen und in den Alltag zu integrieren. Nicht immer mit Erfolg: In Fußballstadion kam es vor, dass Leute mit den an sie verteilten Büchern den Schiedsrichter bewarfen.

Die Friseurbibliotheken seien dagegen ein idealer Ort für das Projekt, findet der städtische Kulturminister Hernán Lombardi: "Beim Friseur hat man Zeit und kann diese zum Lesen nutzen." Außerdem werde so jede Zielgruppe erreicht.

Dass Jugendliche durch das Projekt zum regelmäßigen Lesen animiert werden, kann sich die 69-Jährige Susana nur schwer vorstellen: "Ich glaube nicht, dass es die jungen Leute von ihrem Smartphone wegbringt."

Das beobachtete auch Hair-Stylist Miguel Mallorca von "Transitions" im Stadtteil San Telmo in der ersten Woche. Das Bücherregal des Salons blieb unberührt, Klatschmagazine waren das einzige, worin geblättert wurde. Dennoch hält der 28-Jährige viel von der Idee und weist weiterhin jeden Besucher auf das Buchregal hin.

Hinweisen muss Friseur Gabriel seine Stammkundin Susana in Zukunft wohl nicht mehr. Sie war begeistert von dem Krimi, den sie während dem Nachfärben ihrer Haare las. Sie möchte beim nächsten Friseurbesuch fortfahren. Schließlich pflege sie so den Kopf nicht nur von außen, sondern auch von innen.