Naumburg l Der Naumburger Dom ist berühmt für seine Stifterfiguren - vor allem für die Figur der Uta von Ballenstedt. Weniger bekannt ist, dass im Naumburger Dom einer der größten Schätze mittelalterlicher Buchkunst lagert. Dabei gehören die acht Chorbücher aus dem 15. Jahrhundert nicht nur zu den bedeutendsten aus dieser Zeit, sondern auch zu den größten, dicksten, schwersten. Jedes Buch wiegt zwischen 35 und 38 Kilogramm, hat dicke Holzeinbände mit Metallbuckeln und jeweils rund 600 prachtvoll illustrierte Pergamentseiten.

"Die liturgischen Handschriften wurden ursprünglich für Meissen geschaffen. Sie kamen um 1580 nach Naumburg und wurden - trotz Reformation - bis ins 19. Jahrhundert von den Chorherren benutzt", sagt Matthias Ludwig, wissenschaftlicher Mitarbeiter am Domstiftsarchiv.

Diese intensive Nutzung, die nicht immer perfekte Lagerung und ein alter Wasserschaden haben Spuren und Zerstörungen an fünf der acht Bücher hinterlassen. Mit Fördergeld aus dem Programm "Vorsorge im Großformat" der Koordinierungsstelle für die Erhaltung des schriftlichen Kulturguts (KEK) und mit den Erfahrungen und Werkstätten, die sich an der Fachhochschule Köln nach der Zerstörung des Stadtarchivs bilden mussten, wird bis August eines der Chorbücher exemplarisch restauriert und die Schadensanalyse für die anderen Bücher erstellt.

Im August kommen alle Bücher zurück nach Naumburg und werden digitalisiert. Anschließend kann jede der rund 4800 Seiten im Internet betrachtet werden. Auch für die etwa drei Monate dauernde Digitalisierung sind besondere Voraussetzungen nötig, denn die Bücher sind mit 81x63x15 Zentimetern so groß, dass die Thüringische Universitäts- und Landesbibliothek in Jena eine spezielle Konstruktion entwickeln musste.

Auf den mittelalterlichen, bis heute erhaltenen Stehpulten, die einst als Ablagen für die Chorbücher genutzt wurden, werden die Originale aus konservatorischen Gründen nicht mehr liegen können. Doch durch die Spende von Petra und Joachim Boltze aus Naumburg konnte der originalgetreue Nachbau eines Bucheinbandes mit dem Faksimile einer besonders schönen Doppelseite auf Pergament hergestellt werden. "Die Bücher sind großartig und ich finde es wichtig, dass der Dombesucher eine Vorstellung davon bekommt, wie sie im Dom genutzt wurden", sagt Lothar Boltze. Seit Sonntag ist das Faksimile auf einem der originalen Stehpulte im Dom zu sehen.