Das Ballett ist die wohl klassischste Art, sich durch Bewegung auszudrücken. Doch die Ausbildung ist hart, die Konkurrenz groß, und die Karriere meist nur kurz. Der in Polen geborene Tomasz Kajdanski hat diesen Weg trotzdem gewählt und hat Erfolg.

Dessau-Roßlau l Mittlerweile tanzt Tomasz Kajdanski seit 23 Jahren nicht mehr selber auf den Brettern, die die Welt bedeuten, sondern arbeitet als Ballettchoreograph. Seit einigen Jahren ist er am Anhaltischen Theater in Dessau für die Ballettaufführungen verantwortlich.

Sein Beruf ist eigentlich gar keiner, denn laut Arbeitsagentur gibt es die Berufsgruppe des Choreographen gar nicht. "Das ist schon okay, denn es stimmt. Entweder du bist ein Choreograph oder eben nicht. Vieles kann man nicht lernen. Man muss eine Gabe besitzen", erklärt Kajdanski. Er sieht seine Aufgabe am Theater ganz klar als Berufung, als Lebenseinstellung. "Choreographen sind in meinen Augen Humanisten, denn wir arbeiten mit vielen verschiedenen Charakteren zusammen, um gemeinsam etwas zu schaffen." Die neunjährige Ballettausbildung habe zwar den Grundstein für seine erfolgreiche Arbeit geschaffen, dennoch spiele eine Reihe mehrerer Eigenschaften eine wichtige Rolle. "Anatomie ist ein großes Thema. Ich muss meinen Körper genau kennen, um zu wissen, was möglich ist." Auch die Psychologie ist von entscheidender Bedeutung im Arbeitsalltag.

Das Wort Arbeitsalltag ist für einen Choreographen übrigens schwer zu fassen, denn die Arbeitszeiten und Aufgaben sind sehr flexibel. "Ein halbes Jahr vor der Premiere des Stücks beginnt meine Vorbereitung", erklärt Kajdanski. Zunächst lerne er die komplette Partitur des Orchesters auswendig. Dabei hilft ihm seine Klavier-Ausbildung an einer Warschauer Musikschule. Erst, wenn der 56-Jährige jede Faser des Stücks in- und auswendig kennt, können die eigentlichen Ballettproben beginnen. Zu diesem Zeitpunkt haben Choreograph und Tänzer bis zur Premiere noch etwa sieben Wochen Zeit.

"Wenn ich am ersten Tag der Proben den Tanzsaal betrete, weiß ich für gewöhnlich trotz der langen Vorbereitung noch gar nichts", gibt Kajdanski zu. Er verlasse sich dann ganz auf sein Unterbewusstsein. "Die Choreographie und die Wahl des Stückes hängt von so vielen Einflüssen ab", erklärt er.

Die Stadt, das Theater, sein Ensemble, der Intendant, die momentane politische Situation - Tomek, wie er von allen im Theater genannt wird, lässt sich von seinem gesamten Umfeld inspirieren. Hier kommt eine weitere Anforderung an diesen Beruf zum Vorschein: Kreativität. "Routine ist wichtig. Jeder hat seinen eigenen Stil. Ich experimentiere bei einer Ballettchoreografie nicht. Eher bei der Aufbereitung des Stücks", erklärt er.

Alles andere erfordert Ideen, die er mit den Tänzern, dem Orchester und dem Lichttechniker abspricht. "Licht macht für mich etwa 50 Prozent der Show aus. Mit Licht kann die Energie der Choreografie besser auf das Publikum übertragen werden."

Tomasz Kajdanski ist in seiner Karriere als Tänzer und Choreograph viel herumgekommen. Er spricht fünf Sprachen, was die Zusammenarbeit mit verschiedenen Künstlern enorm erleichtert. "Die Tänzer müssen verstehen, was ich von ihnen will", erklärt er. Aus diesem Grund schreibt ein Assistent bei den Proben jeden Kommentar, jedes einzelne Wort mit. Die Tänzer lernen nicht nur die Choreographie. Sie lernen auch, wie sie sie umsetzen sollen.

Nach sieben Wochen muss alles für die Premiere sitzen. "Zu diesem Zeitpunkt kommen dann stets die Zweifel, ob das alles so richtig ist und ich das Beste für mich und das Publikum aus dem Stück herausgeholt habe." Den langen Prozess von der ersten Idee bis zur Premiere erleben Kajdanski und sein Ensemble von 30 bis 40 Tänzern zweimal im Jahr.

Er vergleicht diese Phasen gern mit einer Schwangerschaft. "Die Premiere ist wie eine Geburt. Danach fühle ich mich leer und mache am liebsten erst mal Urlaub." Es dauere jedoch nicht lange, und der Hunger komme wieder. "Das ist mein Leben. Ich will nichts anderes machen, auch wenn es psychisch und physisch sehr anstrengend ist."

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