Meilensteine aus 175 Jahren Fotografie-Geschichte

1839 Der Sekretär der Französischen Akademie der Wissenschaften gibt am 19. August in Paris die Erfindung der Fotografie bekannt. Als Erfinder gelten Joseph Niépce und Louis Daguerre.

1840 Der Engländer William Henry Fox Talbot erfindet die Fotografie auf Silberjodidpapier, und damit das Negativ/Positiv-Verfahren.

1888 Der US-Amerikaner George Eastman bringt eine Boxkamera für 100 kreisrunde Aufnahmen unter der von ihm geschaffenen Marke "Kodak" heraus. Dem Photoindustrie-Verband zufolge ist das der Durchbruch für eine praktikable Fotografie.

1914 Oskar Barnack, Entwicklungschef der Firma Leitz in Wetzlar, konstruiert den Prototyp der späteren "Leica" für Aufnahmen auf Kleinbildfilm 35mm.

1948 Der Amerikaner Edwin H. Land bringt mit seiner Firma Polaroid die erste Sofortbildkamera heraus. Das kombinierte Negativ und Positiv erzeugt in einer Minute ein brauntoniges Bild.

1975 Steven J. Sasson, US-amerikanischer Ingenieur, konstruiert bei Eastman Kodak die erste Digitalkamera Sasson. Drei Jahre später nimmt sie das erste Digitalbild (100 mal 100 Pixel) auf.

2002 Hersteller wie Nokia, Motorola, Siemens und Sony Ericsson bringen die ersten Handys mit integrierter Kamera in Europa auf den Markt. Bereits 1999 gab es in Japan ein Handy mit eingebauter Kamera zu kaufen.

2013 Nach der JIM-Studie machen knapp die Hälfte aller Jugendlichen mit ihrem Mobiltelefon täglich oder mehrmals pro Woche Fotos und drehen Filme. 2012 waren es erst 37 Prozent der Zwölf- bis Neunzehn-Jährigen.

Hannover/Essen (dpa) l Die Geburtsstunde der Fotografie war ein gesellschaftliches Ereignis: Am 19. August 1839 wurde die Erfindung in der Pariser Akademie der Wissenschaften mit allen technischen Details vorgestellt und feierlich als Geschenk der Menschheit übergeben. Der französische Staat hatte dem Erfinder Louis Jacques Mandé Daguerre die Rechte an dem Verfahren abgekauft und gab es zur kostenlosen Nutzung für alle frei. Die oft geschmähte und sogar totgesagte Fotografie hat seitdem in ihrer 175-jährigen Geschichte einen beispiellosen Siegeszug um die Welt angetreten.

Der Photoindustrie-Verband will zur Feier des Jubiläums einen riesigen Bilderglobus entstehen lassen, zu dem jeder Fotos beisteuern kann. Im September soll die Weltkugel auf der Fachmesse Photokina in Köln präsentiert werden. Darüber hinaus nehmen zahlreiche Museen und Galerien den Jahrestag zum Anlass für Sonderausstellungen. Sie blicken nicht nur zurück, sondern spiegeln auch die Gegenwart.

"Mitte der 1990er Jahre wusste man, dass die Fotografie anders wird. Jetzt ist dieser große Umbruch gekommen vor allem mit den sozialen Netzwerken und den sogenannten Foto-Communitys. Wie heute Bilder zirkulieren, ist ein Quantensprung", sagt Florian Ebner, Leiter der fotografischen Sammlung des Museums Folkwang in Essen.

Der 44-Jährige wird den Deutschen Pavillon der Biennale von Venedig im kommenden Jahr gestalten. Zum ersten Mal fiel damit die Wahl auf einen Fotokunst-Experten, was einiges über die Bedeutung der Fotografie als Kunstgattung aussagt. Für Ebner ist die Stärke der Fotografie, dass sie so viele Gesichter und Sprachen hat. "Sie hat etwas zu tun mit dem Journalistischen, mit dem Privaten, mit dem Amateurhaften, aber auch mit Luxus und schöner Illusion."

Schon vor 175 Jahren fingen die Menschen sofort Feuer für den "Spiegel mit Gedächtnis", wie die Daguerreotypie-Kamera auch genannt wurde. In der zeitgenössischen Presse war ironisch von "Daguerreotypomanie" die Rede. Fotoateliers entstanden in beinahe jeder Großstadt. Abgelichtet wurden zunächst Bauwerke, Denkmäler, Kunstschätze und bald auch prominente Persönlichkeiten.

Das Frankfurter Städel Museum zeigt noch bis zum 5. Oktober unter dem Titel "Lichtbilder" Fotografien aus der eigenen Sammlung von den Anfängen bis 1960. In dem Museum gab es laut einer Anzeige im Frankfurter "Intelligenz Blatt" bereits 1845 eine Fotoausstellung - so weit bekannt, die früheste weltweit.

Zur anerkannten Kunstform mauserte sich die Fotografie allerdings erst in den späten 1960er und frühen 1970er Jahren, weil Künstler wie Gerhard Richter oder Sigmar Polke anfingen, sich mit ihr zu beschäftigen. In den USA dokumentierten die Vertreter der Land Art ihre Werke mit Fotos, auch in der Konzeptkunst spielte die Fotografie eine große Rolle.

Von Beginn an versuchten auch Laien besonders auf Reisen ihre Erlebnisse in Bildern zu bannen. Schon 1893 tagte die Gesellschaft zur Förderung der Amateur-Photographie in Hamburg.

Wolfgang Kemp, Herausgeber einer mehr als 1000-seitigen "Theorie der Fotografie", beobachtet derzeit eine Revolution beim privaten Bildermachen. "Der soziale Gebrauch hat sich völlig geändert", sagt der an der Uni Lüneburg lehrende Kunsthistoriker. "Früher wurden nur die herausragenden Momente für das Album, für die Erinnerung fotografiert. Heute dient das Foto meist der momentanen Mitteilung. Es wird sofort weitergeleitet, verbraucht und verschwindet."