Magdeburg l Nur selten wurde ein Stück schon lange vor der Premiere so intensiv und kontrovers diskutiert, wie die Bühnenfassung dieses Buches. Die neue Schauspieldirektorin am Magdeburger Theater, Cornelia Crombholz, hat mit ihrer ersten Regiearbeit in dieser Funktion jede Menge Aufmerksamkeit erregt.

Immerhin ist es höchst kompliziert, jüngere Geschichte auf die Bühne zu bringen, wenn im Publikum viele Zeitzeugen sitzen, die eine sehr differenzierte Sicht auf die zurückliegenden Jahrzehnte haben. Gleichzeitig ist es nötig, eine Brücke zu denen zu bauen, die dank der "Wende" und ihrer Jugend nur vermittelte Vorstellungen haben, und schließlich sind auch noch die einzubinden, die mit einer Außensicht aus dem "Westen" das Geschehen beurteilen. Die begeisterte Zustimmung des Premierenpublikums zeigte, dass dies gelungen ist, auch wenn nicht alle Erwartungen befriedigt wurden. Das kann vermutlich ohnehin niemand.

Der künstlerische Spagat dieser Inszenierung warf vor allem Fragen auf. Fragen nach dem Warum und Wieso. Die Diskussion darüber, die unmittelbar nach dem Schlussapplaus einsetzte, ist der eigentliche Erfolg des Stücks.

Eine "Grande Dame" unter den Dramaturgen

Dagmar Borrmann ist eine promovierte "Grande Dame" unter den Dramaturgen, Gastprofessorin, Mitglied der Deutschen Akademie der Darstellenden Künste. Sie hat das 500000-mal in 34 Auflagen gedruckte Buch des letzten großen DDR-Schriftstellers Erik Neutsch bearbeitet und eine humorvoll wie dramatisch überragende Theateradaption geschaffen. Immerhin hat die geborene Dresdnerin rund ein Jahrzehnt lang in Halle und Leipzig gearbeitet, also hautnah zum Wirken von Erik Neutsch.

Der in Schönebeck 1931 geborene Schriftsteller starb im vorigen Jahr in Halle. Zeit seines Lebens war er, obwohl fast ein Jahr als Jugendlicher im sowjetischen Militärgefängnis in Magdeburg, ein glühender Kommunist und viele Jahre Mitglied der SED-Bezirksleitung Halle. Von dieser Überzeugung ist er nie abgewichen.

All diesen künstlerischen Sprengstoff zu einem überaus unterhaltsamen Theaterabend, voller Humor, jeder Menge musikalischer, kabarettistischer, ja sogar tänzerischer Anspielungen zu machen, ist vollauf gelungen. Die Rollen sind den Agierenden auf den Leib geschrieben, sie verkörpern förmlich diese unbändige Lust jugendlichen Willens, sich am Schaffen von Neuem, dem Bewältigen von Herausforderungen zu beweisen.

Da ist Hannes Balla, der kraftstrotzende Brigadier, gespielt vom neuen Ensemblemitglied Oliver Chomik, der es hervorragend versteht, sich gegen die übergroßen Filmschuhe eines Manne Krug durchzusetzen. Er hat seine Brigade beim Aufbau des gigantischen Schkona, einem Wortspiel der realen Chemiestandorte Schkopau und Leuna, fest im Griff.

Widerstände im sozialistischen Arbeitsablauf, wie Materialmangel, werden durch handfeste, kaum legale Mittel kompensiert. Dies für Nichtzeitzeugen vermutlich schwer vorstellbare Handeln mit ernstem Hintergrund wird allerdings leider stellenweise so stark persifliert, dass es an die Olsenbande erinnert.

Die Zimmerleute seiner Brigade sind Thomas Schneider als Büchner, Timo Hastenpflug als Bolbig, Klaus Philipp als Jochmann und Konstantin Lindhorst als Nick. Dieser Mischung aus Abenteurern, Vergangenheitsbewältigern, Gescheiterten und Überzeugten gilt uneingeschränktes Lob, denn sie sind es, die Schwächen des Stoffs mit ungeheurer Spielfreude ausgleichen und zum Erfolg führen. Dank solcher Typen sind Leuna und Schkopau fertig geworden, was man für den Flughafen Berlin nicht mit Sicherheit prophezeien kann.

Eine Liebesgeschichte voller Dramatik

Die Protagonisten dieser Inszenierung sind dennoch zweifellos Raimund Widra als Parteisekretär Horvath und Sonka Vogt als Ingenieurin Katja Klee. Die beiden betten eine Liebesgeschichte ein, die nun tatsächlich voller Dramatik ist, als der für seine Arbeit alles aufgebende verheiratete Horvath sein Kind mit Katja in deren Beisein verleugnet, um seine Stellung nicht zu verlieren. Um der Sache willen? Wirklich?

Und da sind wieder die Fragen, besonders bei jungen Zuschauern. Wie konnte eine Partei so tief in das Leben der Menschen, in ihre Privatsphäre eingreifen? Diese Antwort gibt das Stück nicht.

Raimund Widra, bereits seit der vorigen Spielzeit Mitglied des Ensembles, ist auf der Bühne omnipräsent. Selbst wenn er nicht agiert, wirkt er in lauten wie in leisen Gesten ungeheuer überzeugend. Seine Geliebte steht dem nicht nach. Sie spielt fast zurückhaltend, leicht introvertiert, hat aber gerade damit zu dem sprühenden Horvath genau den Gegenpol, der die Spannung zwischen den beiden knistern lässt. Eine Glanzbesetzung!

Das gilt ebenso für die Bühne und die Kostüme von Marion Hauer, die mit den wechselnden, von oben heranschwebenden Spielorten das ganze Chaos einer solchen Baustelle fast körperlich erlebbar macht.

Bei so viel Licht hatten es Sebastian Reck als Bauleiter Trutmann, Konstantin Marsch als Ingenieur Hesselbarth, Franziska Reincke als betrogene Ehefrau Horvath und Alexander von Säbel nicht leicht, eigene Akzente zu setzen. Sie tun es dennoch mit Bravour. Insbesondere Alexander von Säbel, der immerhin mindestens fünf Rollen verkörpert, leistet Schwerstarbeit. Und dann wäre da noch der Pionierkinderchor, der offenen Szenenapplaus samt Chorleiter Martin Wagner im zeitgemäßen Pullunder herausfordert.

"Spur der Steine" war ein überaus unterhaltsamer Theaterabend, den man sich auf keinen Fall entgehen lassen sollte. Eine historische Aufarbeitung von DDR-Geschichte war er nicht.