Magdeburg l Letztlich geht es in Händels Oratorium aus den Jahren 1748/49 um nichts weniger als um Weisheit. Dabei ist der Tempel, den der alttestamentarische König Salomo (hier Solomon) erbaut, Sinnbild einer übergeordneten Ordnung, die Richtmaß für eine sinnvolle Politik ist. Und nur weil Händels Salomo als Inbegriff des guten Herrschers um die Balance zwischen Demut und Macht ringt, ist er in der Lage, Gerechtigkeit walten zu lassen.

Der scheinbar grausame Richterspruch, ein Kind, auf das zwei Frauen Anspruch erheben, mit dem Schwert "gerecht" zu teilen, wird zum sprichwörtlich salomonischen Urteil, da sich die wahre Mutter sofort zum Verzicht bereit erklärt und ihr Kind zurückerhalten kann. Das Motiv hat später Brecht weiter bearbeitet.

Nun hat Händel sein Werk 41 Jahre vor der Französischen Revolution komponiert und dem 21. Jahrhundert ist der Typus des "guten" Politikers eher fremd. Abgesehen davon, dass der Bedarf an sinnvoller gesellschaftlicher Ordnung heute dringender denn je erscheint: Was hat den musikalischen Leiter der Biederitzer Kantorei bewogen, dieses selten gespielte, auf einen englischen König (Georg II.) gemünzte, aufwändig zu besetzende Stück zum Jubiläum auf den Spielplan zu setzen? Neben dem Verweis auf die großartige Musik verbindet Michael Scholl seine Antwort mit einem hintergründigen Lächeln: "Ein Politiker, der außenpolitische Aufmerksamkeit erreicht, weil er ernsthaft auf Kunst und Musik setzt, das ist doch angesichts der heutigen Situation der Kultur eine Nachricht, oder?" Die Königin von Saba stattet dem Kollegen Salomo im dritten Akt nämlich einerseits aus Interesse für dessen Weisheit, andererseits für dessen "himmlische Musik" einen Staatsbesuch ab. Dabei erweist sich die Musik als wahrer Tempel, in dem die himmlische Ordnung erfahrbar wird.

Grundlegend für Händels Salomo ist auch die Möglichkeit der glücklichen Ergänzung von Mann und Frau, die musikalisch mehrfach inszeniert wird. Die Duette zwischen Solomon und seiner Königin, den Müttern und der Königin von Saba gehören zu den intensivsten und kommunikativsten Momenten des Oratoriums. Da Händel seinen Herrscher als Frauenstimme (Mezzosopran) konzipiert hat, brillieren hier Ulrike Mayer, die einen geradlinig-ernsthaften Salomo mit Bodenhaftung und wenig Pathos entwickelt, Heidi Maria Taubert (Sopran), die ihren beiden Rollen als selbstbewusster, hingabebereiter Königin und existenziell emotionaler Mutter Glaubwürdigkeit verleiht, und Grit Wagner (Sopran) als Königin von Saba und unrechtmäßige Mutter mit Flirt- und Irritationspotenzial.

Die Aufgaben der männlichen Stimmen als geistige Berater des Königs markieren Matthias Vieweg (Bass) und Michael Zabanoff (Tenor) ebenfalls überzeugend. Eingebettet sind diese Begegnungen in ein gleichermaßen belebtes wie filigranes Klanggebäude, das die Cammermusik Potsdam und die Biederitzer Kantorei entstehen lassen. Dem hochgradig inspirierten Dirigat von Michael Scholl ist eine tänzerische, konzentrierte Freude an Händels Musik von der ersten Minute an anzumerken. Mal lebhafter agierend, mal äußerlich reglos, aber voller Spannung erweist er sich selbst als Salomo, der zugleich erster Diener und König der Musik an diesem Abend ist. Kein Zweifel, dass alle Beteiligten diese Freude teilen und die Bewegung mit 25 erfolgreichen Jahren im Rücken nach vorn gerichtet ist. Der nächste Musiksommer wartet mit den nächsten Uraufführungen bereits am Horizont. Und bei aller Festlichkeit, als deren Meister Händel zu Recht gilt, ist reichlich Platz für Zwischentöne und ermutigende Nachdenklichkeit über die Möglichkeiten sinnvoller Ordnungen - auch im 21. Jahrhundert.