Magdeburg l "Ein bisschen neidisch bin ich schon", gibt Carsten Lange, der Leiter des Magdeburger Zentrums für Telemann-Pflege und -Forschung, zu. Kein Wunder. Denn was sein Forscherkollege Ralph-Jürgen Reipsch entdeckt hat, gleicht einer kleinen Sensation. Reipsch hat in einer Akte aus dem Lettischen Staatsarchiv in Riga eine bislang völlig unbekannte Autobiografie Georg Philipp Telemanns entdeckt.

Den ungewöhnlichen Fund publiziert der Magdeburger Musikwissenschaftler in der soeben erschienenen aktuellen Ausgabe der Fachzeitschrift "Die Musikforschung".

Telemanns Vater Heinrich, Prediger an der Magdeburger Heiliggeistkirche, begann mit der genealogischen Aufzeichnung zu seiner Familie (Genealogen oder Familienforscher befassen sich mit menschlichen Verwandtschaftsbeziehungen und ihrer Darstellung).

An den Anfang dieser Chronik stellte Heinrich Telemann eine "Ermahnung an die Nachkommen", die Familienaufzeichnungen fortzuführen. Dies wurde von jeweils ältesten Söhnen der Familie Telemann, die traditionell Theologie studierten, übernommen: Georg Philipps älterer Bruder Heinrich Matthias, selbst ohne männliche Nachkommen, übergab die Genealogie dem ältesten Sohn des Komponisten. Dessen einziger Sohn Georg Michael Telemann wiederum wurde später Domkantor in Riga und lebte dort bis zu seinem Tode 1831. So gelangte die Genealogie aus dem Nachlass des Komponistenenkels schließlich ins Lettische Staatsarchiv.

Aus dieser Akte wurden vor wenigen Jahren die Autobiografie von Telemanns ältestem Sohn Andreas publiziert. Aus reiner Forscherneugier hatte sich Reipsch Kopien des Materials zusenden lassen - und hatte offensichtlich den richtigen Riecher. Reipsch: "Ich konnte kaum glauben, was ich da sah." Die Handschrift Telemanns. Sie zu entziffern war nicht einfach. Handelt es sich doch um einen Entwurf mit zahlreichen Streichungen, Überschreibungen und Korrekturen.

Reipsch datiert das Dokument exakt auf das Jahr 1738, da es mit Telemanns knapper Schilderung seiner Parisreise von 1737/38 endet. Er vermutet, dass es sich um die eigenständigen, später aber verworfenen Vorarbeiten zu einem Beitrag für Johann Matthesons bedeutendes Musikerlexikon "Grundlage einer Ehren-Pforte" von 1740 handelt.

Was bringt diese Handschrift nun an neuen Erkenntnissen? Zum einen, dass Telemann offenkundig nicht nur in den Magdeburger Schulen musikalisch geprägt wurde, sondern auch durch die "auserlesene Stadtmusic" in seiner Geburtsstadt.

Zudem würdigt Telemann in besonderem Maße seine Mutter Maria, in deren Händen nach dem frühen Tod des Vaters Heinrich die Ausbildung Georg Philipps lag. Telemann selbst leitet seine Musikalität in diesem Dokument ganz deutlich von seiner Mutter her und zeigt sich voller Dankbarkeit im Hinblick auf die beschränkten finanziellen Möglichkeiten der Witwe: "Ob ihr weniges Vermögen schon nicht zuließ, viel Kosten, zur Erlernung allerhand, einen jungen Menschen zierenden Geschicklichkeiten anzuwenden, so ließ sie es doch am nöhtigsten nicht ermangeln." Und er erwähnt nicht ohne Stolz, dass er sie durch sein "Chor- und anderweitiges Singen" wohl bereits in seiner Magdeburger Zeit finanziell entlastet hat.

Auch dass die damalige Stadtmusikerzunft offenbar eine qualitativ sehr hochwertige gewesen ist - die Musiker kamen bei Gottesdiensten und Anlässen wie Hochzeiten oder Begräbnissen zum Einsatz -, ist durch Telemanns Erwähnung nun gut zu belegen. Das Telemann-Zentrum plant eine öffentliche Präsentation der Autobiographie im Magdeburger Gesellschaftshaus.