Magdeburg l Es ist einer dieser Momente, bei dem man zögert, nach dem letzten Satz und dem Erlöschen der Bühnenscheinwerfer begeisterten Beifall zu spenden. Kann man der Rolle eines SS-Massenmörders, der in die Identität seines umgebrachten jüdischen Jugendfreundes schlüpft und fortan als Friseur in Israel hochgeachtet ist, vorbehaltlos zujubeln?

Der Jude Edgar Hilsenrath, in Leipzig geboren und in Halle an der Saale aufgewachsen, macht das in der grandiosen Bearbeitung seines Buches von Susanne Lietzow den Zuschauern nicht leicht. Der Stoff ist eine Groteske, erzählt aus der Perspektive des Täters und ist mit dieser speziellen Art jüdischen Humors gespickt, den man auch unter dem Begriff Chuzpe kennt, und der einem allzu oft das Lachen im Halse ersticken lässt.

Sowohl die humorvolle Erzählweise angesichts der Ungeheuerlichkeit der Ermordung von sechs Millionen Juden als auch die Perspektive aus der Sicht des Täters waren die Ursachen für die Zurückhaltung gegenüber dem Buch in Deutschland, die bis heute nicht überwunden ist.

Die grauenhafte Selbstverständlichkeit

Die Magdeburger Inszenierung zeigt sich von diesem Philosemitismus, also einer den Juden oder dem Judentum wohlgesonnenen Haltung aus einem tiefen Schuldgefühl heraus, völlig unbeeindruckt. Die aus dem österreichischen Tirol stammende Susanne Lietzow greift die Intention des Autors der grauenhaften Selbstverständlichkeit und der Absurditäten des menschlichen Handelns, des menschlichen Seins, des Mensch- oder Unmenschseins, mit außerordentlichem Einfühlungsvermögen auf.

Sie setzt das in eindrucksvolle Bilder, schockierendes, mitunter abstoßendes Geschehen um, entschärft aber zugleich durch die lakonische Gleichmut des Protagonisten die mitunter kaum auszuhaltende Dramatik.

Möglich wird das durch eine ohne Ausnahme herausragende schauspielerische Leistung. In der Massenmörder-Rolle des Max Schulz verdient sich Konstantin Lindhorst in all der menschlichen Zerrissenheit eines Opportunisten, der "sein Mäntelchen in jeden Wind hängt, egal, aus welcher Richtung er bläst", allerhöchste Anerkennung. Alle übrigen Schauspieler glänzen zudem in mehreren Rollen.

Enorm wandlungsfähig und überzeugend ist Susi Wirth als Minna Schulz, Frau Holle oder DP-Krankenschwester. Thomas Schneider schlüpft in sechs verschiedene Kostüme, Raphael Gehrmann gar in sieben. Ebenso Ralph Martin, Sebastian Reck und Timo Hastenpflug, die mit Spielfreude und akribisch gezeichneten Charakteren für die überragende Ensembleleistung sorgen.

Ausblenden jeglichen Mitgefühls

Eine Schlüsselszene ist zweifellos die Rede von Adolf Hitler auf dem Ölberg von Wieshalle, einer Stadt in Schlesien, mit der die Handlung des Stücks eine entscheidende Wendung nimmt. Mit der einschwebenden karikierenden Figur des "Führers", immer wieder durch verfremdende Filmsequenzen illustriert, wird die sektenartige, mystisch-religiöse Gehirnwäsche der "Versammlung der Gescheiterten" in ihrer ganzen Sinnlosigkeit überdeutlich. "Ich aber sage euch: Wer den Volksfeind tötet, der heiligt meinen Namen. Und wer mich heiligt, der hat Anteil an meiner Heiligkeit."

Was folgt, ist der "Säuberungszug" von Max Schulz durch die Ukraine und Polen als SS-Mann. Völlig unbeteiligt und unberührt berichtet in der Rolle Konstantin Lindhorst von der Langeweile, die auf seinem Posten im Hinterland herrscht, denn außer ein paar Erschießungen sei eben nichts passiert, so dass er vor Langeweile "das Rauchen gelernt" habe.

Es ist diese Lakonie, das völlige Ausblenden jeden Mitgefühls, sicher auch durch das eigene Erleben, als Kind geprügelt und vergewaltigt worden zu sein, das dieses unfassbare Entsetzen beim Zuschauer hervorruft. Auch das Selbstmitleid, trotz heftiger Bauchschmerzen noch Juden erschießen zu müssen, um dann festzustellen, dass die mit den Bauchschmerzen verbundene Darmentleerung ihm das Leben auf der Flucht vor den heranrückenden Russen gerettet hat, lässt die Zuschauer schaudern.

Szenen mit bitterem Beigeschmack

Die durchaus komische Darstellung dieser Szenen hinterlässt trotzdem oder deshalb einen höchst bitteren Beigeschmack.

Auf der Flucht vor den Russen mit einem Sack voller Goldzähne ermordeter Juden trifft der schon fast erfrorene Masssenmörder Schulz in einem polnischen Wald auf das Haus mit der Hexe. Thomas Schneider spielt diese allegorische Märchenfigur mit einer ungeheuren darstellerischen Wucht. Sie hat ihn in der Hand: Erfrieren und verhungern oder ihr zu Willen zu sein.

Er, Max Schulz, der Herr über Leben und Tod, wird in seiner Jämmerlichkeit missbraucht und gedemütigt. Doch kaum naht der Frühling, der ihm die Flucht ermöglicht, erschießt er seine Peinigerin. Zurück in Deutschland und als Massenmörder gesucht, findet er aus den Reihen der alten Kameraden jemanden, der ihm die Nummer seines getöteten jüdischen Jugendfreundes eintätowiert. Von nun an heißt Max Schulz Itzig Finkelstein, verlässt Deutschland mit dem Schiff in Richtung Palästina, um hier nun bewaffnet gegen die britischen Protektoratssoldaten für die Gründung des Staates Israel zu kämpfen.

Die Inszenierung macht auf beeindruckende Weise deutlich, wie sich der Kreis schließt, wie Täter zu Opfern und Opfer wiederum zu Tätern werden. Es gibt keine Sieger in einem Krieg, sondern immer nur Verlierer. Und vor allem bleibt die Sehnsucht nach Gerechtigkeit ein Traum, der nie in Erfüllung geht.

Die Inszenierung von "Der Nazi der Friseur" ist nicht nur ein mutiges und ungeheuer aufrüttelndes Stück. Es ist vor allem eine Mahnung in einer Zeit, in der sich Antisemitismus und Fremdenfeindlichkeit ganz heimlich wieder einschleichen. Und es ist ganz großes Theater. Am 14. und 29. Mai steht das Stück wieder auf dem Spielplan.