Odysseus ist ein rechter Schelm: Als er sich und seine Männer dem Zyklopen Polyphem gegenübersieht, platziert er in Sekundenschnelle ein Glas Wein vor dem Einäugigen und der dokumentiert seine rasch einsetzende Trunkenheit mit einem leicht lallenden "Wer bissuh?". Ort des Geschehens ist das Magdeburger Puppentheater, wo derzeit "Odysseus" inszeniert wird. Für Kinder ab neun Jahren.

Von F.-René Braune

Magdeburg. Verantwortlich für die im angenehmsten Sinn des Wortes verspielte Inszenierung ist Gastregisseur Alexej Leliavski aus Minsk – der bereits zum fünften Mal die Reise an die Elbe angetreten hat, um seine theatralen Intentionen umzusetzen. Danach befragt, warum er gerade die griechische Irrfahrt für Kinder in Szene setzt, führt er die Sorge ins Feld, dass Kinder immer weniger lesen, dass er große Geschichten wie die von Homer, deren Konflikte und die daraus resultierenden Gefühle den Kindern nahebringen möchte.

Und so geht es denn nicht nur um die Abenteuer und Gefahren, die der unfreiwillig in den Krieg gezogene Odysseus bestehen und bewältigen muss, einen wesentlichen Teil der Geschichte macht dessen daheimgebliebene Familie aus. Dramaturg Tim Sandweg dazu: "Natürlich heben wir keinen pädagogischen Zeigefinger, wir gehen aber der Frage nach, wie es einer Familie ergeht, wenn der Ehemann und Vater viele Jahre nicht da ist. Der Sohn Telemachos muss ohne seinen Vater aufwachsen. Penelope kann sich vor Freiern nicht mehr retten, die letztlich aber nur die Macht anstreben."

Der Dramaturg will nicht zu viel verraten, gibt aber zu Protokoll, dass die Magdeburger Inszenierung inhaltlich ziemlich dicht am Original ist, obwohl nicht jede einzelne Episode der "Odyssee" auf der Bühne zu sehen sein wird. Allerdings werde die klassische Bogenszene ebenso thematisiert, wie die Bestrafung der Freier. Selbstredend in einer Form, die für Neunjährige geeignet ist.

Zwei ausgelassene Puppenspieler

Der gestrige Probenbesuch ließ nicht den geringsten Zweifel daran, dass an diesem Odysseus nicht nur Kinder ihre Freude haben dürften: Die Puppenspieler Benno Lehmann und Pascal Martinoli machen einen recht ausgelassenen Eindruck, wenn sie auf drei weiß gestrichenen Fässern abenteuerliche Gefilde entstehen lassen, wenn der Irrfahrer mit seinen Kriegern über das Meer segelt oder der Zyklop seine Schafe streichelt, um sein nächstes Frühstück auszuwählen. All dies in einer Sprache, die ganz bewusst eher den Simpsons als der klassischen Vorlage entspricht. Gleiches gilt für die Puppen, von denen der Regisseur meint, dass sie in ihrer Stilistik Comicfiguren nahekommen.

Auf die eingangs vom Zyklopen gestellte Frage gibt Odysseus die klassische Antwort "Niemand". Dass an diesem Stück niemand Gefallen finden könnte, ist wahrlich nicht zu befürchten. Wie so oft ist die Premiere am 9. April auch schon ausverkauft.