Skurrile Szenarien, gegenständlich und trotzdem wie nicht von dieser Welt, haben den Maler Neo Rauch weltbekannt gemacht. Düster und bedrückend sind sie oft. Sie zeigen Menschen mit Werkzeug, Waffen, Feuer. Immer sind sie in Bewegung und erinnern durch Stil und Kleidung an die sozialistische Propagandamalerei. Am 18. April wird er 50 Jahre alt.

Leipzig ( epd ). Die Menschen in diesem Raum sind offensichtlich in Panik. Ein alter Mann starrt zur Tür, will den Tisch hinter sich nicht loslassen. Ein jüngerer strengt die Arme an, als müsste er gleich kämpfen. Eine Frau liegt bäuchlings auf der Tischplatte. Auch sie blickt angestrengt zur Tür. Alle drei sind offenbar gebannt von dem schwarzen Raum dahinter, dem einzig dunklen Punkt auf dem Bild " Paranoia " von Neo Rauch. Dies ist sie wohl, " die Sekunde vor dem möglichen Exzess ", die der Leipziger Künstler nach eigenen Aussagen immer wieder zu erfassen sucht.

Auf den Betrachter wirken die Menschen orientierungslos, ziellos. Man ahnt den Exzess, nur sehen kann man ihn nicht.

Die Anlehnung an die ideologisierte Malerei der DDR und Rauchs Herkunft brachten den zeitgenössischen Künstler in die Schublade der Kunstrichtung " Neue Leipziger Schule ". Sozialistische Malerei und das, was ihr nach der friedlichen Revolution folgte, haben ihr Zentrum an der Leipziger Hochschule für Grafik- und Buchkunst ( HGB ). Als Meisterschüler beendete Neo Rauch 1990 dort seine Ausbildung und lehrte später als Professor an der Hochschule.

Schon zu Studienzeiten entdeckten Kunstkenner sein Talent. Die großen Erfolge stellten sich jedoch erst vor einigen Jahren ein. Internationale Ausstellungen, Auszeichnungen, hohe Preise am Kunstmarkt und ein Auftrag für die Gestaltung von drei Fenstern im Naumburger Dom sind Wegmarken des heutigen Kunst-Stars. Als Durchbruch gilt seine Ausstellung " Para " im New Yorker " Metropolitan Museum of Art " im Jahr 2007. Sie war eine besondere Wertschätzung. Denn bis Ende der 1960 er Jahre durften keine noch lebenden Künstler ihre Arbeiten dort präsentieren. Bis heute ist das eine Seltenheit geblieben.

" Das war der Schub für seine Karriere ", sagt der Direktor des Leipziger Museums der bildenden Künste, Hans-Werner Schmidt. In seinem Haus wird gerade eine große Retrospektive zum Schaffen Rauchs zwischen 1993 und 2010 vorbereitet. Ab 20. April werden im Museum der bildenden Künste Leipzig und in der Pinakothek der Moderne in München insgesamt 120 Werke gezeigt.

" Ein Haus hätte ihn nicht repräsentieren können ", sagt Schmidt. Rauch gebühre ein " solcher Auftritt ". Zeigen wolle er vor allem einen Künstler, der " die Komposition der Farbe grandios beherrscht " – und der es schafft, mit jedem seiner Bilder Spannung zu erzeugen.

Trotz der vielen Details auf Rauchs Werken, die den Betrachter herausfordern, finde sich dort nichts Überflüssiges, sagt Schmidt. So sei Rauch auch als Mensch. Als " reflektiert und überlegt " bezeichnet ihn Schmidt. " Nichts ist Floskel. "

Seine Kunst trotzt

der Einordnung

Auch sein Galerist, Gerd Harry Lybke, sieht Rauch und sein Werk als Einheit. " Seine Kunst lässt sich komplett auf seine Biografie zurückführen ", sagt der Eigentümer der in Berlin und Leipzig ansässigen Galerie " Eigen + Art ". Als deutlichstes Beispiel gilt Rauchs Bild " Vater ". Darauf zeigt Rauch, der kurz nach seiner Geburt seine Eltern durch ein Zugunglück verlor, einen überdimensional großen jungen Mann, der zärtlich einen älteren in den Armen hält.

Lybke entdeckte Rauch in den 80 er Jahren in Leipzig. Der heutige Galerist saß jahrelang als Aktmodell vor Studenten der Leipziger Hochschule für Grafik- und Buchkunst. " Fünf Jahre lang auch vor Neo Rauch ", sagt Lybke. Jenseits der Kurse haben sich Künstler und Galerist erst später richtig kennengelernt, wobei " er mich mit Kleidung erst nicht erkannte ", berichtet Lybke die Anekdote.

Heute ärgert ihn die Festlegung von Rauchs Kunst als " Neue Leipziger Schule ". Der Begriff sei " inhaltsleer ". Zudem hätten Rauchs Werke auch vor 200 Jahren verstanden werden können, ist Lybke überzeugt. Die Beziehung zur DDR-Kunst sei damit nicht unmittelbar gegeben.

Auch der Leipziger Museumsdirektor Schmidt stimmt dem zu. " Der Begriff ist für Rauch zum Stigma geworden. " Dabei zählten inzwischen auch abstrakte Werke und deren Maler zu der Kunstgattung. Nicht das Genre, sondern der Entstehungsort wird damit zur Einordnungskategorie für die Kunstrichtung.

Verzichtet man auf diese Einordnung, bleiben nur Erklärungen, die das Genre, in dem sich Rauch bewegt, genauso unbestimmt lassen wie die Botschaft seiner Bilder. Dann ist Rauch " eine faszinierende Gestalt ", so beschrieb ihn der New Yorker Kurator Gary Tinterow 2007, " dessen Kunst der Definition und Einordnung trotzt ".