Klassenfahrt ist das Schwerste am Lehrerberuf. Wer mit seinen Achtklässlern drei Nächte in einer Jugendherberge zubringt, darf seine Blutdrucktabletten nicht vergessen. Und richtig ungemütlich wird es, wenn man um Mitternacht auf einem harten Stuhl im Korridor Wache schiebt.

Ich selbst konsultiere unsere Kollegin Gela vorher noch mal kurz, um sicher zu sein, wie es mit der Sexualerziehung meiner Schutzbefohlenen, besonders der Mädchen, steht. Falls mich auf meinem kalten Posten der Schlaf übermannt.

" Wir müssen in die Offensive gehen ", sind die oft gehörten Worte Gelas. Die Schule dürfte dem Internet nicht das Feld überlassen. Wir Lehrer müssten mit unseren Schülern immer einen Schritt weiter sein als das Netz mit seinem Schmuddelkram. Das wäre eine Frage der Ehre. Außerdem verlangte der Bildungsauftrag das sowieso von uns.

Ich wandte mich in dieser diffizilen Angelegenheit gern an diese Kollegin, weil sie nicht nur Biologie unterrichtete, sondern in der warmen Jahreszeit ein Top mit Spaghettiträgern trug. Und diente so als leibhaftiges Anschauungsobjekt. Demonstrierte den pubertierenden Knaben die Besonderheit der weiblichen Anatomie. Gela hatte eine unverkrampfte Art, nicht nur den Schülern Aufklärung zu geben, sondern machte sich auch im Lehrerzimmer auf diesem Wissensfeld verdient. Die Zeiten wären vorbei, dozierte sie gern, in denen man die menschliche Fortpflanzung mittels der Begattung der Schmetterlinge erklärte und mit der Bestäubung der Haselnuss.

" Wenn wir uns keinen Ruck geben, werden wir vom Internet hoffnungslos abgehängt. Und die Drittklässler lachen sich über die zurückgebliebenen Lehrer kaputt. "

Am Anfang unserer Reise schon musste sich erweisen, ob ich im Sinne Gelas ausreichend vorbereitet war. Mit einem klimatisierten Reisebus, nicht etwa mit dem Fahrrad wie in meiner eigenen Schulzeit, befuhren wir die Bundesstraße 71. Plötzlich kam Jessica, eine besonders wissbegierige Schülerin, von hinten zu mir nach vorn. Zeigte auf die Lovemobile, die neuerdings an den Rändern unserer keuschen altmärkischen Wälder standen und verbreiteten hier das Flair der Reeperbahn.

" Was sind denn das für Autos ?", fragte mich die Schülerin. Der nächste Wohnwagen war zu sehen, der mit seinem Heck zwischen den Bäumen stand, das Fahrerhaus dem rollenden Verkehr zugewandt. Auf dem Sitz eine Frau mit wenig an. " Na sieht man doch ", sagte ich, " Autos eben. Wohnwagen. Caravans, wie man heute sagt. " " Und warum haben sie eine rote Leuchtstoffröhre an der Windschutzscheibe ?", fragte Jessica.

Und sofort fiel mir Gela ein. Wusste, was jetzt von mir erwartet wurde. Aber etwas hemmte mich. Irgendwie fehlten mir die richtigen Worte. Ich spürte wie in mir das Blut nach oben stieg. Meinte, ich würde gleich rot. Wünschte meine Kollegin Gela wäre jetzt hier und stände mir bei. " Vielleicht haben sie Panne. Können nicht mehr weiter ", sagte ich. " Und mit dem roten Licht rufen sie den ADAC oder einen anderen Abschleppdienst. "

Jessica schaute mir ins Gesicht und dachte nach. " Ach so ", sagte sie dann und lächelte irgendwie verschmitzt. " Verstehe. " Als sie wieder zurück an ihren Platz ging, analysierte ich die Aktion. Klassenfahrt ist – wie gesagt – das Härteste am Lehrerberuf.

Martin Meißner ist Schriftsteller in Sachsen-Anhalt.