Schönebeck l Der Gerechtigkeit halber muss man vorausschicken, dass so eine Sommeroperette unter freiem Himmel vor allem ein Ziel hat: Die Zuschauer bestens zu unterhalten, bei der Inszenierung ruhig mal dem Affen Zucker zu geben, kleinere Tonstörungen oder den Hustenanfall eines Protagonisten mit sommerlicher Gelassenheit zu überhören und nicht darauf zu bestehen, dass jede Tänzerin die Größe 38 trägt.

Das alles macht nichts, denn die Ohrwürmer aus diesem Operettenklassiker machen alles wett. Und das vor allem auch deshalb, weil die Gesangssolisten stimmlich beachtlich gut waren, die Ausstattung von Toto dem leicht lasziven Geschehen auf der Bühne genau den richtigen Rahmen und Kostüme gab, und die Darsteller besonders bei einzelnen akrobatischen Übungen bis an ihre Grenzen gingen. Kein Wunder also, dass es immer wieder Szenenapplaus und Bravorufe des in den Jahrzehnten mitgealterten treuen Publikums gab.

Regisseurin als Gefängniswärter

Für Gerard Oskamp, Jahrgang 1950 und seit 2013 Chefdirigent und Leiter der Mitteldeutschen Kammerphilharmonie, fängt das Leben mit 66 Jahren offenbar erst richtig an. Er hat das Ensemble deutlich verjüngt. Lediglich Toto, der in den 20 Jahren nur ein einziges Mal die Ausstattung des Operettensommers nicht in den Händen hatte, zählt zu Erfolgsgaranten der ersten Stunde.

Katharina Kutil ist als freischaffende Regisseurin dem Schönebecker Operettensommer ebenfalls seit vielen Jahren treu. Im Vorjahr brachte sie erfolgreich ihr erstes Stück auf die Freilichtbühne Bierer Berg, um in diesem Jahr bei der Jubiläumsinszenierung nicht nur die Regiefäden in der Hand zu halten, sondern auch selbst wieder aufzutreten. Und das ausgerechnet als Frosch, der Gefängniswärter, der Rolle, die durch etliche Verfilmungen und Aufführungen Kultstatus hat. Allerdings: Wer die Besetzung bestimmt, kann sich die Rollen aussuchen.

Ein Gewinn im Ensemble war mit Bestimmtheit die Verpflichtung von Tomasz Jan Delski, der sich nach seiner Musikausbildung in Leipzig vor allem an ostdeutschen Bühnen einen Namen gemacht hat. Als Gabriel von Eisenstein zusammen mit seiner Frau Rosalinde (Martina Schilling) und der Kammerjungfrau Adele, gesungen von Yoora Lee-Hoff, hielten die drei gesanglich die anspruchsvollen Partien, die zu den schwierigsten in der Operettenliteratur gehören, zu einem Ganzen zusammen.

Feierszene ist ein Höhepunkt

Höchst schwungvoll, aber mit vielen Fragezeichen versehen, beginnt die „Fledermaus“ auf Rollschuhen. Abgesehen von einem gewissen Überraschungseffekt, hat das Stück das nicht nötig. Dafür sorgt schon ganz allein die Musik. Und wenn dann die große Feierszene bei Prinz Orlofski mit beinahe orgastischen Zügen richtig in Fahrt kommt, wären Rollschuhe auch nur hinderlich. Großartig! Diese großen Szenen mit allen Darstellern sind die Höhepunkte.

Das muss auch die Regisseurin so empfunden haben, denn sie greift bei dieser Gelegenheit ganz tief in die künstlerische Zauberkiste, lässt eine überaus sehenswerte Bauchtänzerin die Hüften schwingen und wiederbelebt schließlich sogar den „King“ Elvis Presley. Dass der dann ausgerechnet den „Jail House Rock“, also das Gefängnislied mit Blick auf den Aufenthalt des Protagonisten an diesem einsamen Ort, singt, macht den Einfall allerdings nicht besser.

Trotz allem macht es Spaß, an einem schönen Sommerabend auf dem Bierer Berg den wunderschönen Melodien zu lauschen, ein wenig von der Gerechtigkeit zu träumen, wenn die Kleinen die Großen mit deren eigenen Waffen schlagen, von rauschenden Festen und Kalauern zum Schmunzeln. Mit Blick auf alles Ungemach der Welt kann man dann mitsingen: „Glücklich ist, wer vergisst, was doch nicht zu ändern ist.“

Vorstellungen auf dem Bierer Berg bei Schönebeck bis einschließlich 24. Juli und am 22. Juli die „Operette für Kinder“.