Kakerbeck. Eigentlich, das betonte Herbert Halbe, Leiter der Unteren Wasserbehörde im Altmarkkreis Salzwedel, am Donnerstagabend im mehr als vollen Dorfgemeinschaftshaus von Kakerbeck, hätte es schon nach der Jahrtausendwende keine Betriebserlaubnis mehr für die Bohrschlammdeponie Brüchau, auch Silbersee genannt, geben dürfen. Der Grund: die damals von der Betreiberfirma GDF Suez (heute Engie) beantragte wasserrechtliche Erlaubnis wurde von den zuständigen Behörden abgelehnt. Dass dennoch weiter in die alte Tongrube eingelagert werden konnte, hat die Betreiberfirma dem zuständigen Landesamt für Geologie und Bergwesen (LAG) zu verdanken, das die Rechtslage damals anders auslegte, wie sein Präsident Kurt Schnieber am Donnerstagabend im Zuge einer Bürgerversammlung in Kakerbeck deutlich machte. Dort räumte er Fehler seiner Behörde ein, zumal es „keine klaren Angaben zur Stärke des Geschiebemergels“, der die Grube nach unten abdichte, und zur Dynamik des Grundwassers gebe. Gleichzeitig forderte er aber dazu auf, gemeinsam in die Zukunft zu schauen. Denn die halte erhebliche Herausforderungen für alle Beteiligten bereit.

Doch so einfach ließen die Anwesenden den LAG-Präsidenten nicht gewähren. Bernd Ebeling, Wasserbauingenieur und Mitstreiter der Bürgerinitiative (BI) „Saubere Umwelt & Energie Altmark“, sprach in Bezug auf die fehlende wasserrechtliche Genehmigung und die nachgewiesene Belastung durch Radium sogar von einem „Straftatbestand“, „zumal man schon zu DDR-Zeiten wusste, dass die Grube undicht ist“. Schließlich sei der bekannte Grundwasser-Schaden (siehe Info-Kasten) schon vor 1990 festgestellt worden. Ebeling wollte auch von Jan Weinreich, dem Generalbevollmächtigten der Betreiberfirma der Deponie wissen, ob und welche radioaktiven Stoffe von außerhalb in Brüchau eingelagert worden sind, erhielt darauf aber die Antwort: „Ich weiß es nicht“. Zudem hinterfragte Ebeling, der sich in der Vergangenheit intensiv mit dem Thema Bohrschlammdeponie befasst hat, auch einige der von Martin Asbrand vorgestellten Fakten, die dieser im Zuge eines Erkundungskonzeptes zusammengetragen hat. Der Berliner Hydrogeologe hat dafür im Auftrag der Landesanstalt für Altlastenfreistellung (LAF) sämtliche vorhandenen Daten ausgewertet und dabei „ein relativ geringes Gefährdungspotenzial außerhalb des Zaunes der Deponie“ ausgemacht. Der Boden wäre „schon innerhalb des Deponiegeländes als Grünland nutzbar“. Auch im oberen Grundwasserbereich seien keine Belastungen nachweisbar.

Dennoch hält Asbrand weiterführende Untersuchungen durch ein Ingenieurbüro, das vom Deponiebetreiber Engie und in Abstimmung mit der LAF zu beauftragen wäre, für unerlässlich. Denn es gebe noch eine Reihe von Unbekannten. Das beträfe vor allem den genauen Inhalt der Deponie, auch wenn diese nach außen hin dicht scheine. Zudem würden Infos zu den geotechnischen und chemischen Eigenschaften der Deponie fehlen. Und das Grundwasser inklusive seiner Fließeigenschaften bedürfe noch einmal einer ganz eigenen Bewertung.

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Christfried Lenz von der BI „Saubere Umwelt & Energie Altmark“ äußerte indes den „Verdacht, dass es hier nur um Geld und nicht um die Wahrheit geht“. Laufend würden neue Konzepte erarbeitet, „aber es geschieht nichts“. Laut Lenz sei das „eine geniale Idee der Kostensenkung“. Denn solange an Konzepten gewerkelt werde, müssten Engie und Land nichts für die deutlich teurere Schließung der Deponie ausgeben.

Auch von Bewohnern der Region wie Helmut Lüdecke kam die Forderung: „Es müssen endlich Nägel mit Köpfen gemacht werden!“ Zu viel Zeit sei schon verstrichen, von der niemand sagen könne, ob sie wirklich keine Gefahren für die Bevölkerung mit sich gebracht habe. Schließlich gibt es den immer wieder geäußerten Verdacht, die Deponie könnte mit dem Auftreten bestimmter Krebserkrankungen in der Region zusammenhängen, auch wenn es dafür keine Belege gibt.

Umso wichtiger ist es laut Geohydrologe Martin Asbrand „jetzt eine konkrete Grundlage für die geplante Schließung“ zu schaffen. Für diese gibt es mehrere Möglichkeiten, von denen aber nur noch zwei im Gespräch sind: die sogenannte Folienabdichtung sowie die Auskofferung, in deren Rahmen der Inhalt der Deponie in ein sicheres Endlager zu bringen wäre. Das, so betonte Asbrand, dürfte aber nicht nur wegen der Kosten (siehe Info-Kasten) und der deutlich längeren Bauzeit eine ziemlich schwierige Angelegenheit werden. Etwa „30 000 bis 40 000“ Lkw-Ladungen mit teils hochgiftigen Substanzen müssten von einem an den anderen Ort – und der wäre noch zu suchen – verbracht werden.Dennoch, so erklärten sowohl Wirtschaftsstaatssekretär Thomas Wünsch als auch LAF-Chef Jürgen Stadelmann, sei noch keine Entscheidung zugunsten einer der Varianten gefallen. Und Stadelmann fügte an: „Als LAF habe ich das größte Interesse an Nachhaltigkeit“, zumal die Zuständigkeit für den Deponiekörper nach Schließung ja ans Land übergehe und ein weiterführendes Monitoring unablässig sei. Aber was die notwendigen Maßnahmen beträfe, „ist die Angemessenheit nachzuweisen, weil ich als LAF Steuergeld für die Schließung ausgebe“, betonte Stadelmann. Die Firma Engie muss sich nach geltenden vertraglichen Vereinbarungen lediglich mit zehn Prozent an den Kosten beteiligen. Den großen Rest tilgt die LAF via Sonderfonds.

Da bis zum endgültigen, vom LAF zu genehmigenden Betriebsplan für die Schließung noch einige Jahre ins Land gehen werden, versprach Wirtschaftsstaatssekretär „künftig mindestens einmal jährlich“ derartige Infoveranstaltungen vor Ort abzuhalten.