Rätzlingen l Freitagmorgen – kurz nach dem Sonnenaufgang in Rätzlingen steigt Jörg Lauenroth-Mago, ausgerüstet mit einem Korb voller Proviant, in den Trecker und erklärt: „Wir starten mit drei Traktoren. Unterwegs in Tangerhütte kommen noch ein paar Traktoren dazu. In Berlin-Blankenfelde sammeln sich dann über 100 Traktoren, um uns dann in Berlin für eine ökologische Landwirtschaft und für einen besseren Umgang mit Tieren stark zu machen.“

Lauenroth-Mago führt in Rätzlingen eine biodynamische Landwirtschaft. „Wichtig ist uns, dass mehr Geld zur Unterstützung der Bio-Landwirtschaft ausgegeben wird. Ich finde es nicht richtig, dass mit der Gießkanne die Finanzen verteilt werden. Man sollte mehr gucken, dass gesunde Nahrung erzeugt wird und dass man mit den Tieren gut umgeht. Ich glaube, dass wir alle davon profitieren“, erklärt der Rätzlinger.

Nicht zu überhören ist der Traktor von Bennet Rosburg aus Döhren, der gemeinsam mit seinem Mitarbeiter Peter Hebekerl zum Treffpunkt kommt. Rosburg führt ein landwirtschaftliches Unternehmen, das 150 Hektar Land bewirtschaftet. Der 23-Jährige hat sich auf die Schafhaltung spezialisiert und besitzt 220 Tiere. „Ich bin schon das dritte Mal bei einer Demo in Berlin dabei. Ich finde es ungerecht, wenn die Agrarkonzerne alles bekommen. Bei Konzernen steckt keine Leidenschaft dahinter, sondern nur der Profit steht im Vordergrund“, so Rosburg.

Der Belsdorfer Jochen Dettmer, Landwirt und Vorstandssprecher der Arbeitsgemeinschaft Neuland, erklärt: „Es ist wichtig, dass wir Bauern mit der Zivilgesellschaft ein starkes agrarpolitisches und bäuerliches Zeichen setzen“ sagt Jochen Dettmer. Der Druck auf die landwirtschaftlichen Betriebe sei – nach den Ausführungen von Dettmer – enorm, viele seiner Berufskollegen mussten in den letzten 24 Monaten ihre Hoftore schließen. „Den dramatischen Absturz der Erzeugerpreise, bewusst von Molkerei- und Schlachthofkonzernen mit befördert, hat die Bundesregierung in Kauf genommen“, kritisiert der Belsdorfer.

Mit der Demonstration wollen die Landwirte am Rande der Internationalen Grünen Woche wieder ein Zeichen setzen. Ein Plakat hat Dana Preis mit der Aufschrift „Ziel – Berlin für Öko Landbau“ gemalt. Sie ist Landwirtin und kommt aus Kassel. „Ich habe selbst keinen Betrieb, bin aber schon zum siebenten Mal bei einer Demo dabei. Ich habe Landwirtschaft gelernt“, schildert Dana Preis. Mit ihren Mann betreibt sie seit 16 Jahren den Forschungsbetrieb Öko-Landbau der Universität Kassel. Als Waldorf-Erzieherin ist für sie das gesunde Essen für die Kinder wichtig. „Wir sind bei der Demo so ein gemischtes Publikum – vom Verbraucher bis zu den Landwirten. Das ist das, was mich so reizt. Das sind nicht nur ein paar Spinner, die mit fünf Schafen auf ihrer Scholle sitzen, sondern gestandene Menschen aus allen Bevölkerungsschichten, die etwas ändern wollen“, beschreibt sie. Auch Julia Dettmer ist nicht zum ersten Mal dabei. Die 21-jährige Belsdorferin ist auf dem Hof der Familie aufgewachsen und erklärt: „Diese Demo ist eine gute Sache. Ich absolviere eine Ausbildung als Erzieherin. Da ist die gesunde Ernährung wichtig. Vielleicht werde ich später mal einen Erlebnisbauernhof führen.“

Etwa acht Stunden werden die Landwirte mit ihren Traktoren, die etwa 40 Kilometer pro Stunden fahren, für die 182 lange Strecke von Rätzlingen bis nach Berlin brauchen. „Bevor es morgen zur Demo geht, werden wir in unseren Schlafsäcken in einem großen Lager übernachten“, beschrieb Lauenroth-Mago. „In Berlin werden wir Aufsehen erregen. Unser Traktorenzug wird wieder mehrere Kilometer lang sein“, blickt Rosburg voller Vorfreude voraus. Jochen Dettmer gibt das Startkommando: „Jetzt geht es los. Wir hoffen, dass sich möglichst viele Bauern sich anschließen.“