Magdeburg l Die Linke fordert freie Fahrt für alle Kita-Kinder. Der Oberbürgermeister findet das selbstverständlich, aber den Linke-Antrag überflüssig. Die Beförderungsrichtlinien der MVB schreiben Zahlungspflicht ab 6 Jahre fest.

Tobias und Aaron sind 6 und müssen zahlen, wenn sie Bus oder Straßenbahn fahren. So steht es in den MVB-Beförderungsrichtlinien. Leni und Laura sind 5. Sie fahren kostenlos und gehen in dieselbe Gruppe der Kita „Bertis Biberburg“. Plant die Gruppe einen Ausflug, bedeutet die Ticketpflicht für die Älteren Aufwand.

Kita-Leiterin Maria Brusinski beschreibt ihn: „Aushänge werden gestaltet, Eltern werden angesprochen und erinnert, Fahrscheine werden eingesammelt oder für Säumige nachgekauft, um kein Kind zu benachteiligen.“ Maria Brusinski jubiliert, als sie zu Jahresbeginn von einer Initiative der Linken im Stadtrat hört. Deren Mitglied Dennis Jannack fordert freie Fahrt für Kindergartenkinder unabhängig vom Alter.

Die Kita-Leiterin und – wie sie weiß – auch viele ihrer Kolleginnen würden das als echte Erleichterung empfinden. „Vorschulkinder haben im letzten Kindergartenjahr ein aktives Programm.“ Fahrten ins Theater, ins Umweltzentrum, in die Zooschule, zum Schwimmkurs, zu Auftritten bei Stadtteilfesten, in den Zoo sowie in die künftige Schule stünden an. Die Kita bietet, was der Gesetzgeber vorschreibt: frühe Bildung.

Kita-Chefin platzt die Hutschnur

Getrübt wird die Freude der Kita-Leiterin, als sie die Stellungnahme der Verwaltung zum Linke-Antrag liest. Der Bau- und Verkehrsbeigeordnete Dieter Scheidemann schreibt: „Nach Rücksprache (...) mit den MVB kann mitgeteilt werden, dass die Altersbegrenzung des Fahrscheinverkaufs ab 6 Jahre sich nicht als Problem darstellt. Seitens des Unternehmens und der Verwaltung wird kein Handlungsbedarf gesehen.“

Der Kita-Chefin platzt die Hutschnur. Sie wendet sich an die Volksstimme. Die Verwaltung solle nicht „am grünen Tisch entscheiden“ ob Handlungsbedarf bestehe, sondern in den Kitas fragen“. Auch Dennis Jannack ist fassungslos: „Ich musste das zweimal lesen und frage mich, ob die das ernst meinen.“

„Ja“, sagt Oberbürgermeister Lutz Trümper auf Nachfrage am Dienstag und klärt auf: „Ich wollte diesen Satz genau so drinhaben. Die Linke bauscht ein Problem auf, das es in der Realität nicht gibt. Das ist an den Haaren herbeigezogen!“ Natürlich, so Trümper, sollen Kita-Kinder in der Gruppe kostenlos fahren. „Wer soll schon ihr Alter kontrollieren und wie? Ist doch egal, ob da einer vor drei Tagen 6 geworden ist.“

Sinneswandel über Nacht

Bereits vor dem Telefonat mit Trümper hatte die Volksstimme am Mittwoch die MVB um Stellungnahme gebeten. Deren Sprecher Tim Stein schickt eine Antwort, die der des Oberbürgermeisters widerspricht: „Alle Kinder ab 6 Jahren müssen einen ermäßigten Fahrschein haben. Ob sie in die Kita gehen oder Schulkind sind, spielt dabei keine Rolle.“

Gestern ziehen die MVB ihre Stellungnahme zurück und schwenken auf OB-Linie ein: „Neuer Sachstand: Diese Thematik ist aus Sicht der MVB kein Problem, denn uns ist kein einziger Fall bekannt, bei dem eine Kindergartengruppe mit unseren Fahrzeugen unterwegs war und ein bereits 6 Jahre altes Kind ein erhöhtes Beförderungsentgelt zahlen musste.“ Damit ist das Schwarzfahrer-Strafgeld gemeint, das Kita-Kinder schon deshalb nicht zahlen müssen, weil sie eben nicht schwarzfahren.

Die MVB kündigen gestern an: „Wir werden den Vorschlag, freie Fahrt innerhalb Kindergartengruppen auch für 6-jährige Kinder, mit den Verbundpartnern im marego-Verbund diskutieren.“ Einen Tag zuvor hatten die MVB den Antrag rundweg abgelehnt.

Auch Trümper sagt gestern noch ein Wort zur Sache und zwar dieses: „Die Kitas sollen jetzt einfach alle Kinder kostenlos fahren lassen. Sie werden nicht kontrolliert.“