Aus alten Dokumenten

In den alten Dokumenten finden sich unter anderem Hinweise auf das Befüllen der Kammern: Sobald der Feind acht Kilometer an die Brücke herangekommen ist, sollte der Sprengstoff eingebracht werden. Ursprünglich war vorgesehen, dass dazu ein Offizier, zwei Unteroffiziere und zwanzig Soldaten sechs Stunden Zeit gehabt hätten. Grund: Auch sie hätten erst einmal an die unter Steinen versteckten Kammern herankommen müssen.

Aus dem Jahr 1880 stammt eine Korrespondenz zwischen dem Militär und der Stadt: Die Stadt hatte kein Interesse an den Sprengkammern – das preußische Militär bestand auf deren Einbau. (ri)

Magdeburg l Entwarnung an der Zollbrücke: Die Minenschächte sind leer. Anders als in der Anna-Ebert-Brücke, aus der in den vergangenen Monaten Sprengstoff geborgen wurde, war in den bereits beim Bau angelegten Hohlräumen zum Ende des Zweiten Weltkriegs aber keine Munition mehr eingebracht worden.

Auf die Spur gekommen war das Tiefbauamt, das beim Vor-Ort-Termin am Freitag durch Haiko Schepel vertreten war, dank der Recherchen von Sebastian Rühmann. Der Werderaner berichtet, dass 2016 das Magdeburger Tiefbauamt bei der Arbeitsgruppe Gemeinwesenarbeit nachgefragt habe, ob dort Unterlagen zu Anna-Ebert- und Zollbrücke vorlägen. Sebastian Rühmann beschäftigt sich mit der Festungs- und Garnisonsgeschichte Magdeburgs und berichtet: „Ich sammelte meine Unterlagen von den Bauplänen der Zitadelle, dem Heereszeugamt auf dem Werder sowie Luftaufnahmen der amerikanischen US-Air Force aus dem Zweiten Weltkrieg aus dem Nationalarchiv in Washington und stellte sie dem Tiefbauamt zur Verfügung.“

Geheime Papiere von 1911

Weitere Unterlagen für die Flächen der Strombrückenverlängerung hat der Werderaner mit Unterstützung von Helmut Menzel von der Fachgruppe Militärgeschichte des Kultur- und Heimatvereins Magdeburg und Sebastian Höbig von der ASG Fort Hahneberg Berlin sowie dem Verein Interfest zusammengetragen. Im Dezember vergangenen Jahres bekam Sebastian Rühmann dann von dem Verein in Berlin die Kopie einer geheimen Dienstvorschrift aus dem Jahr 1911, in der alle Sprengmöglichkeiten der Zollbrücke aufgelistet sind und anhand derer die Fachleute jetzt auf die Suche gehen konnten.

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Bei einem Vor-Ort-Termin sagte nun Dr. Johannes Bach vom Ingenieurbüro Bach + Bach: „Dass keine Munition in der Brücke ist, war keineswegs sicher.“ An den Stellen unterhalb der Gewölbebögen, hinter denen sich laut den Unterlagen die Hohlräume befinden, wurden vorsichtig dünne Bohrungen ins Mauerwerk eingebracht. Nach anderthalb Metern stießen die Fachleute für die Untersuchung des Mauerwerks auf die Hohlräume.

Kies, Sand, Holz und Blech

Die Endoskopie ergab, dass sich in den oberen Bereichen der Kammern ein Kies-Sand-Gemisch mit Holzstücken befindet. Zudem sind die Kammern innen mit Zinkblech ausgekleidet. In der südlichen der drei Kammern entstand zunächst der Eindruck, dass sich in deren Innerem Metallkisten befänden. Es bestand somit ein akuter Sprengstoffverdacht. Damit gab es keine Alternative, als die Kammern zur weiteren Untersuchung zu öffnen. Neben den vermeintlichen Metallkisten untermauerte die offensichtliche Verdämmung aus Kies-Sand diesen Verdacht.

Erst die Inaugenscheinnahme brachte die Entwarnung. Felix Bach von dem Büro sagt: „Warum hier kein Sprengstoff eingebracht wurde, können wir nicht sagen.“ Möglich ist, dass die Amerikaner so schnell vorgestoßen waren, dass keine Zeit mehr war. Oder dass die Brücke offen gehalten werden sollte. Oder, dass kein Sprengstoff mehr vorhanden war. Der Sprengstoff aus der Anna-Ebert-Brücke machte jedenfalls vor einigen Monaten den Eindruck, als ob es sich um zusammengekehrte Reste handelt. Johannes Bach sagt: „Da kamen fünf verschiedene Sprengstoffarten zum Einsatz.“

Keine grundsätzliche Entwarnung

Nichtsdestotrotz möchte Gerald Rühmann, Vater von Sebastian Rühmann, keine grundsätzliche Entwarnung für das Gebiet geben: „Hier hat es schwere Luftangriffe gegeben und heftige Gefechte. Man darf davon ausgehen, dass einiges an Munition und Waffen am Ufer und in der Zollelbe gelandet ist.“ Ein Blindgänger, der in den schlammigen Grund der Elbe gefallen sei, wäre jedenfalls auf keiner alten Luftaufnahme zu erkennen.

Und wie geht es jetzt mit den Schächten und den Öffnungen weiter? Haiko Schepel sagt: „Wir hatten ursprünglich sogar überlegt, ob wir die Schächte als Quartier für Fledermäuse offen lassen.“ Doch zwei Gründe sprachen dagegen: Zum einen schade der Fledermauskot dem Mauerwerk. Zum anderen wären die Zugänge auch für Menschen zugänglich. Und das wiederum berge die Gefahr, dass die Tiere gestört werden oder dass Müll und Unrat abgelagert werden. Haiko Schepel sagt: „Daher werden die Öffnungen wieder verschlossen.“ Zunächst wird das Innere des Zugangs mit Ziegelsteinen zugemauert. Dann kommen Decksteine wie im angrenzenden Mauerwerk darüber. Im Anschluss wird durch eine Bohrung eine Zementmischung in den Schacht injiziert. Johannes Bach sagt: „Bis Mitte Juni sollten die Arbeiten abgeschlossen sein.“ An diesem Termin hat auch Haiko Schepel keinen Zweifel: „Die Zusammenarbeit mit Bach + Bach funktioniert hervorragend.“

Im Scheitel des mittleren der drei Gewölbebögen der Zollbrücke befinden sich übrigens auf der Unterseite zwei kreisrunde Öffnungen. Sie sind nach unten hin offen und leer. Diese Öffnungen hielt man ursprünglich für Sprengkammern. Sie dienten aber vermutlich der Entrichtung des Brückenzolls, der Be- und Entladung von Booten oder einfachsten menschlichen Bedürfnissen.

Falls Munition gefunden worden wäre, hätte es wie bei der benachbarten Anna-Ebert-Brücke nächtliche Sperrungen gegeben, um das Material aus den Brücken zu holen.