Volksstimme: Was genau will der Verein mit Hilfe einiger Ratsfraktionen auf dem Ulrichsplatz schaffen?

Tobias Köppe: Das Kuratorium Ulrichskirche e. V. möchte die Erinnerung an die mit der Ulrichskirche verbundene Geschichte Magdeburgs lebendig machen. Am historischen Ort der Ulrichskirche soll dem Gedenken an die Zerstörungen Magdeburgs Raum und Gestalt gegeben werden.

Was genau soll passieren?

Wir haben daher die Idee entwickelt, zunächst die noch vorhandenen baulichen Reste der Ulrichskirche zu erschließen und durch sinnvolle Ergänzung eine Nutzung als bauliches Denkmal und als Ort der Erinnerung zu ermöglichen. Hierzu hat die Mitgliederversammlung im Jahr 2015 vorgeschlagen, das Portal der Ulrichskirche am originalen Standort wieder zu errichten.

Wir greifen hiermit auf Beispiele zurück, die sich in Magdeburg bereits großer Akzeptanz erfreuen. Das Sterntor am Domplatz erfreut bereits die Bürger, das Portal der Katharinenkirche am Breiten Weg wird im Moment rekonstruiert. Wir finden diese beiden Portale fantastisch und würden gern Gleiches auf dem Ulrichplatz schaffen. Inwieweit hierbei die Grundmauern und der Chorbereich der Kirche mit einbezogen werden können, müssen die Fachleute klären.

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Gesetzt den Fall, der Vorschlag findet Zustimmung: Wer soll Aufstellung und Unterhalt bezahlen und übernehmen?

Wir haben bereits die Kosten für die Errichtung des Portals von Fachleuten durchrechnen lassen. Sie liegen in einem unteren bis mittleren sechsstelligen Bereich. Von einigen Magdeburger Firmen gibt es bereits Signale, dass Teile der Baumaßnahmen als Spende erbracht werden. Die Standsicherheit des Portals wird durch einen Stahlbetonkern gesichert, welcher dann zu großen Teilen mit originalen Steinen, etwa 20 Tonnen sind vorhanden, verkleidet wird. Das Maßwerk wird aus Sandstein nach vorliegenden Bestandsplänen exakt nachgebildet.

Auch die IG Innenstadt unterstützt unsere Bemühungen zumindest ideell. Ihr Sprecher Arno Frommhagen gab in der Volksstimme ja bereits das Statement ab: „Wir begrüßen alles, was in der Stadt für Furore sorgt und zugleich an ihre stolze Geschichte erinnert.“

Und wer kümmert sich um den Unterhalt?

Wir gehen davon aus, dass der Unterhalt überschaubar bleibt, da es sich ja nicht um ein Gebäude mit Räumen, sondern um ein solitär stehendes Mahnmal handelt. Wir glauben, die Portalrekonstruktion mit Spenden und Fördermitteln stemmen zu können. Zu Baurechts- und städtebaulichen Fragen gab es bereits erste Sondierungsgespräche mit Vertretern des Stadtplanungsamtes. Vonseiten der Verwaltung wurde das Ansinnen sehr positiv aufgenommen, da es nicht zuletzt auch Anlass geben könnte, über die Gesamtgestaltung des Platzes neu nachzudenken.

In diesen Gesprächen hat das Kuratorium bereits zugesichert, für die Kosten der Unterhaltung in einem angemessenen Umfang aufzukommen. Dazu müssen dann natürlich entsprechende Vereinbarungen mit der Stadt Magdeburg geschlossen werden.

Kritiker sagen: Das Kuratorium unterhöhlt das Votum des Magdeburger Bürgerentscheids, bei dem die Ulrichskirche klar abgelehnt wurde. Was sagen Sie?

Das Kuratorium Ulrichskirche e. V. respektierte und respektiert das Ergebnis des Bürger-entscheids vom März 2011, an das der Magdeburger Stadtrat lt. Gesetz für ein Jahr (bis 20. März 2012) gebunden war. Wir haben immer deutlich gemacht, dass wir unsere Vereinsarbeit an die Gegebenheiten anpassen. Unsere Arbeit war und ist völlig transparent. Alle Aktivitäten werden tagesaktuell auf www.ulrichskirche.de dargelegt. Wir haben nach dem Bürgerentscheid unsere Satzung im Vereinszweck angepasst, um der Realität ins Auge zu blicken.

Und der lautet jetzt?

Vordringlicher Vereinszweck ist es laut Satzung, die Erinnerung an die mit der Ulrichskirche verbundene Geschichte Magdeburgs lebendig zu machen, die noch vorhandenen baulichen Reste der Ulrichskirche zu erschließen und durch sinnvolle Ergänzung eine Nutzung als bauliches Denkmal, als Ort der Erinnerung und als geistlicher Raum zu ermöglichen. Dazu würde eine Portalrekonstruktion gut passen.

Was halten Sie von dem Vorschlag des OB, die Magdeburger bei der Entscheidung mit einzubeziehen?

Das Thema Ulrichskirche ist aufgrund der überschießenden Emotionen von 2011 und der sehr erfolgreichen Jahre vor dem Bürgerentscheid weiterhin ein emotionales Thema. Ich finde eine Bürgerbeteiligung daher gut, plädiere aber für eine zeitnahe Initiative. Das Reformationsjubiläum im Jahr 2017 kommt mit großen Schritten auf uns zu. Dies ist eine einmalige Chance, wenn Magdeburg mit dem Gedenken an die bedeutendste Reformationskirche der Stadt weltweit positive Aufmerksamkeit auf sich ziehen kann. Unseres Herrgotts Kanzlei ist ein Alleinstellungsmerkmal, das man nutzen muss.

Viele befürchten, die Aufstellung des Portals sei der Start des Wiederaufbaus durch die Hintertür. Ist das so?

Wir sind Demokraten. Wenn die Magdeburger Bevölkerung die Ulrichskirche nicht möchte, wird sie sie auch nicht bekommen. Wir haben aber auch nicht vergessen, dass im März 2011 26 470 Wahlberechtigte und damit ein Viertel der Wähler den Wiederaufbau der Ulrichskirche und die Arbeit unseres Fördervereins unterstützten. Viele Gegner hätten damals auch zugestimmt, wenn statt der ganzen Kirche eher eine „kleinere Lösung“ wie eine Erinnungsarchitektur zur Wahl gestanden hätte.

Wir leben in einer Demokratie. Mehrheiten sind nicht statisch, sie können sich ändern. Daher haben wir auch in unserer Satzung formuliert, die Option eines späteren Wiederaufbaus der Ulrichskirche offen zu halten und das Bewusstsein dafür zu wecken, welche städtebauliche, kulturelle und religiöse Chance in einem Wiederaufbau der Ulrichskirche besteht. Wir denken, dass dies legitim ist und bei Änderung politischer Mehrheitsverhältnisse auch eine Chance hat.

Sie vertreten das Kuratorium Ulrichskirche. Wer verbirgt sich aktuell dahinter mit welchen Zielen und welcher Finanzausstattung?

Das Kuratorium Ulrichskirche e. V. ist weiterhin ein gemeinnütziger Verein mit über 150 Mitgliedern. Wir haben sogar Neueintritte zu verzeichnen und viel positives Feedback auf unseren Durchhaltewillen und unseren Einsatz für die alte Kaiserstadt Magdeburg bekommen. Unser Vorstand arbeitet konstant, Herr Uwe Thal und Herr Jörg Schenke sind meine beiden Stellvertreter vor Ort, die gut miteinander harmonieren und in Magdeburg gut vernetzt sind.

Wo liegt Ihr Finanzrahmen?

Unsere Finanzausstattung liegt momentan im fünfstelligen Bereich. Unser Verein ist auch überregional tätig und organisiert. So sind wird seit der Gründung des Verbundes Zerstörte Kirchen (VZK) Mitglied in diesem Zusammenschluss ostdeutscher Fördervereine. Momentan sind neun Vereine hier organisiert. Ziel des Verbundes ist nach innen die Schaffung von Synergien unterschiedlicher Aktivitäten in den einzelnen Vereinen und nach außen Information und Werbung sowohl für den jeweiligen Wiederaufbaugedanken wie auch für die Aufgaben des Verbundes selbst.

Die Internetseite www.kirchensprengung.de, die ich am 3. Oktober 2008 online gestellt habe, hat sich mittlerweile auch zur Homepage des Verbundes entwickelt. Die Seite listet über 60 in der DDR-Zeit gesprengte Kirchen auf und wird beständig aktualisiert.

Was soll das Portal im Fall seiner Aufstellung Magdeburgern und ihren Gästen symbolisieren?

Es soll „Unseres Herrgotts Kanzlei“ symbolisieren, zeigen, dass hier die weltberühmten Magdeburger Zenturien entstanden. Rund 800 Millionen Protestanten gibt es weltweit. Wenn nur ein kleiner Bruchteil als Tourist nach Magdeburg käme, um den Geist des Ortes, den „Genius loci“ zu besuchen, würde das unsere Tourismusindustrie ankurbeln. Für die Magdeburger würde das Portal auch als zentrales Mahnmal dienen können, um an die Zerstörung der Stadt Magdeburg am 16. Januar 1945 zu erinnern. So einen zentralen Anlaufpunkt gibt es in Magdeburg noch nicht.

Des Weiteren stände das Portal auch der Bewerbung Magdeburgs um den Titel Kulturhauptstadt 2020 gut zu Gesicht. Es würde symbolisieren, dass sich die ehemalige Stadt des Schwermaschinenbaus auch zu ihrer Kultur und Kulturgeschichte im Zentrum bekennt.

Wenn der Vorschlag im Stadtrat abermals durchfällt: Welche Schlussfolgerungen ziehen Sie daraus?

Innehalten, akzeptieren, Gespräche führen und weitermachen. 1000 Jahre stand die Ulrichskirche auf dem Ulrichplatz. Das Kuratorium Ulrichskirche e. V. besteht seit knapp zehn Jahren, ein Wimpernschlag im Vergleich mit dieser langen Geschichte. Wenn wir es nicht schaffen, an die Ulrichskirche zu erinnern, werden es zukünftige Generationen tun. Da bin ich mir ganz sicher.