Seehausen l Am 3. September 1956, wurde im thüringischen Buttlar der 24-jährige Grenzpolizist Waldemar Estel an der Grenze erschossen. Der Täter konnte nie gefasst werden. Waldemar Estel stammte aus der Altmark und wurde in Heiligenfelde bei Arendsee beigesetzt. In Seehausen gibt es bis heute eine Waldemar-Estel-Straße, worauf Volksstimme-Leser Werner Günzel aus Stendal die Redaktion im Vorfeld des historischen Jahrestages hinwies.

Beerdigung in Heiligenfelde stand auf der Tit

Das „Neue Deutschland“ berichtete am 8. September 1956 auf der Titelseite unter der Überschrift „Waldemar Estel zur Ruhe gebettet - Hunderte nahmen Abschied von dem ermordeten Grenzpolizisten“ über den Fall. Mit Foto wurde also sehr prominent und landesweit von der Beerdigung in Heiligenfelde berichtet. Warum es gerade in Seehausen eine Straße gibt, die nach dem getöteten Grenzpolizisten benannt wurde, darüber kann nur spekuliert werden. „Das ist im Rat beschlossen worden, vermutlich gab es dort jemanden mit einer Verbindung nach Heiligenfelde“, sagt der Seehauser Lokalhistoriker Kurt Maaß. Die Benennung der Straße sei wenige Jahre nach dem Vorfall erfolgt, weiß er.

Über eine Umbenennung sei nach der Wende nicht diskutiert worden, sagt Bürgermeister Detlef Neumann. Die Karl-Marx-Straße und die Friedrich-Engels-Straße seien sehr wohl neu benannt worden. Werner Günzel weist darauf hin, dass immer am 13. August „medienwirksam und mit viel Prominenz der Toten an der Mauer gedacht“ werde. Der Kalte Krieg habe jedoch viele Opfer gefordert, neben Waldemar Estel auch andere Grenzpolizisten beziehungsweise Grenzsoldaten. Mindestens 31 Fälle sind bekannt. Es sei beachtlich, dass es noch eine Waldemar-Estel-Straße gebe, sagt Günzel.

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Uni-Forscher werteten Quellen zum Fall aus

Aber was ist über den Tod des altmärkischen Grenzpolizisten bekannt? Wissenschaftler der Freien Universität Berlin haben sich im Forschungsverbund SED-Staat auch mit dem Fall beschäftigt und Quellen ausgewertet.

Demnach kam an jenem 3. September 1956 am frühen Nachmittag ein Mann, von dem sich später herausstellte, dass es ein Spanier war, im Grenzstreifen auf den jungen Gefreiten Waldemar Estel zu. Er war an der Straßensperre zur DDR-Grenze zwischen dem hessischen Rasdorf und dem thüringischen Buttlar einem hellgrünen Mercedes mit spanischem Kennzeichen entstiegen und kam mit einer Landkarte in der Hand auf den 24-jährigen Altmärker zugelaufen, der zusammen mit einem weiteren Volkspolizisten Dienst an der Grenze tat und in dem Augenblick des Zusammentreffens mit einem Pferdegespann den Grenzstreifen ackerte. Estel verhaftete den Mann und führte ihn ab. Mit vier Signalschüssen forderte er Verstärkung an. Als zwei weitere Grenzpolizisten schon in Sichtweite waren, packte der Festgenommene den Grenzpolizisten Estel an der Uniform und verpasste ihm mit dem Knie einen Hieb in den Unterleib. Dabei verlor dieser seine Maschinenpistole. Der Spanier zog eine Waffe und gab vier Schüsse auf Estel ab, an dessen Folgen dieser wenig später verstarb. Der unbekannt gebliebene Mann floh zurück zur Grenze, von wo drei weitere Männer auf die DDR-Polizisten schossen.

Die Fahndung der westdeutschen Polizei nach dem Täter blieb erfolglos, da dieser noch am selben Tag mit zwei Begleitern nach Frankreich weitergereist war. Nach der Wiedervereinigung erbrachten erneute Ermittlungen über Interpol, dass der Eigentümer des Mercedes Benz ein Leutnant der spanischen Luftwaffe gewesen ist.

Ungewöhnlich in dem Fall war die deutsch-deutsche Zusammenarbeit. Einen Tag nach der Tat trafen mehrere Beamte des Zolls, des Bundesgrenzschutzes der hessischen Polizei und ein Oberstaatsanwalt aus Fulda mit einem Major der DDR-Grenzpolizei und dessen Begleitern zusammen. Sie untersuchten den Tatort. Ermittelnder Kommissar war Franz Wekwerth aus Fulda. Er berichtete dem Oberstaatsanwalt, dass es sich um „keine politisch motivierte Tat“ handeln würde.

Die DDR machte eine sozialistische Heldentat aus dem Tod des Grenzpolizisten Estel. Am 3. September 1982 wurde in Buttlar eine Stele aufgestellt. Eine Gedenktafel erinnert daran, dass er „in Ausübung seines Dienstes an der Staatsgrenze von Agenten des Imperialismus ermordet“ wurde.