Schönebeck l Auf den ersten Blick sieht der Beschlussvorschlag positiv aus. Dort steht: Neubau einer Kindertagesstätte im Wohngebiet „Am Schillergarten“. Erst auf den zweiten Blick – in der Ausführung – kommt der Haken. Denn dort steht dann: Mit Inbetriebnahme der Kindertagesstätte „Am Schillergarten“ erfolgt die Schließung der Kindertagesstätte „Storchennest“ in der Deichstraße. René Wölfer, Schönebecks SPD-Ortsvereinschef, sagt zu dem Dilemma: „Hier kann keine Herzensentscheidung getroffen werden.“ Denn ein Votum treffen müssen die Stadtratsmitglieder am Donnerstag, 22. Juni, ab 17 Uhr im Dr.-Tolberg-Saal dennoch.

Die SPD-Fraktion hat bereits entschieden, wie sie stimmen wird. So verkündet SPD-Fraktionsvorsitzender Frank Schiwek bei einer Bürgerversammlung vor der Kita: „Wir werden im Stadtrat für den Beschluss stimmen.“ Die Arbeitsbedingungen und Zustände in der Kita „Storchennest“ seien alles andere als ideal, so Schiwek.

Der Salzlandkreis ist gemäß des Kinderförderungsgesetzes als örtlicher Träger der öffentlichen Jugendhilfe für die Bedarfsplanung und somit für die Erteilung der Betriebserlaubnisse zuständig – auch der der Kita „Storchennest. In einer nach der Besichtigung der Einrichtung verfassten Stellungnahme des Kreises steht: Die Kindertageseinrichtung „Storchennest“ befindet sich in einem Containerbau, welcher bereits seit circa 20 Jahren auf diesem Gelände beheimatet ist. Schon zum damaligen Zeitpunkt war der Container nur als Ausweichstandort vorgesehen.

Räume nicht mehr geeignet

Die Bedingungen für die Betreuung der Kinder entsprechen nicht mehr den heutigen aktuellen Ansprüchen an eine, ausgehend von den Rahmenbedingungen, qualitätsgerechte Betreuung von Kindern. Trotz einiger durchgeführter Sanierungsmaßnahmen wie Elektrik und Dach sind die Räume nicht mehr als geeignet anzusehen.

Bert Knoblauch (CDU), Oberbürgermeister der Stadt Schönebeck, bestätigt dies in einer Stellungnahme. Den 27 Kindern, die dort derzeit gemeldet sind, stehen nur zwei Gruppenräume zur Verfügung, in denen sich bei schlechtem Wetter der gesamte Tagesablauf der Kinder abspiele. Damit alle Kinder Platz finden, werde bereits das Kita-Büro als Schlafraum für die Krippenkinder genutzt.

Zudem sei die Einrichtung kalt – das liege auch am Containerbau. Alles das sind auch für Knoblauch Gründe für folgendes Fazit: „Die Einrichtung ‚Storchennest‘ entspricht nicht mehr den heutigen Ansprüchen an eine Umsetzung des Bildungsprogrammes, den Unfallschutz und den Arbeitsbedingungen für die Mitarbeiter.“

Nichts verheimlichen

Für den SPD-Ortsverein sei es wichtig gewesen, noch vor der Stadtratssitzung mit den Bürgern ins Gespräch zu kommen. „Wir wollen damit nicht hinter dem Berg halten“, sagt Schiwek. Die SPD-Fraktion wolle im Stadtrat jedoch nicht nur zustimmen, sondern einen Zusatz zur Beschlussvorlage vorschlagen. „Denkbar wäre es, auf dem Kita-Gelände einen Spielplatz zu errichten“, so Schiwek. Schließlich seien die Spielgeräte bereits vorhanden. Bei der Organisation wäre allerdings das Engagement der Bürger gefragt, so Schiwek.

„Ich kann mir nicht vorstellen, dass noch etwas gemacht wird, wenn die Kita erst einmal geschlossen ist“, entgegnet Dorit Prells, Mitglied des Elternkuratoriums der Kita. Missmutig zeigt sich auch die Grünewalderin Susanne Bloch. Sie ist als Kind selbst ins „Storchennest“ gegangen, auch ihre Kinder haben die Kita in Grünewalde besucht. „Mir selbst ist sie gut bekommen und als Mutter wusste ich die Nähe zu schätzen“, sagt sie. Sie meint, die Kita sei neben dem Friedhof das einzige, was Grünewalde wirklich noch hat.

Doch wann soll die Schließung stattfinden, wenn dem Beschlussvorschlag zugestimmt wird? „Wir sind noch in der Diskussion über die Länge der Betriebserlaubnis“, sagt Ines Grimm-Hübner, Geschäftsführerin der Arbeiterwohlfahrt (Awo) des Kreisverbandes Salzland – der Träger der Kita. Sie rechne mit drei Jahren.

Die Unsicherheit über die Zukunft der Kita macht nicht nur Eltern, sondern auch der Kita-Leiterin Angela Spandau zu schaffen. „Ich habe seit Tagen Magenschmerzen, meine Nerven sind am Ende – mir ist hundeelend“, sagt sie. Schließlich müsse sie den Eltern in die Augen blicken. Sie fasst zusammen: „Für uns ist das Imageverlust ohne Ende.“

Während der Diskussion strampelt der neun Monate alte Tom im Arm seiner Mutter fröhlich mit den Beinen. Er ahnt nicht, dass hier gerade auch um seine Zukunft diskutiert wird. „Wir sind extra von Schönebeck in den Ortsteil Grünewalde gezogen, damit unser Sohn im Grünen aufwächst“, sagt sein Papa, Steven Ritter. Die zukünftige Kita, die der kleine Tom besuchen wird, ist jetzt voraussichtlich im Neubau „Am Schillergarten“ statt im „Storchennest“. Mit dem Plan vom idyllischen Aufwachsen in der Natur hat das nur noch wenig zu tun. Denn hier hört man nicht wie in Grünewalde das Wasser der Elbe rauschen, sondern allenfalls die Züge am benachbarten Schönebecker Bahnhof vorbeifahren.