Wolf reißt Schafe Keine Rettung mehr für „Mäuschen“
Eine schlaflose Nacht hat Joachim Roloff aus Sandbeiendorf hinter sich, nachdem ein Wolf in seiner Schafherde wütete.
Uchtdorf/Sandbeiendorf l Der 56-jährige Schäfer Joachim Roloff aus Sandbeiendorf ist hart im Nehmen. Als er am Sonntagvormittag aber sein „Mäuschen“ mit Bolzenschussgerät und Messer erlösen musste, standen ihm doch die Tränen in den Augen. Vor zwei Jahren zog er das Lamm mit der Flasche auf, nun führte das Schaf als Leittier die Herde. Wenn Roloff „Mäuschen“ rief, waren alle anderen auch zur Stelle.
„Mäuschen“, das einzige Tier mit Namen in der Herde, war trotz aller Mühen der Tierärztin nicht mehr zu retten. Der Wolf hatte ihr eine Gesichtshälfte herunter gezogen, das Auge hing daneben. Mit dem Schaf starben zwei Lämmer, ihre ersten. Sie sollten in 14 Tagen geboren werden. Auch alle anderen gehetzten Muttern waren hochtragend.
In der Nacht zum Sonntag verlor der Schäfer insgesamt neun seiner Tiere. Er fand sie entweder schon tot, musste sie nottöten, oder sie schwammen ertrunken in einem kleinen Teich. In ihrer Panik suchten die Schafe Schutz im Wasser, ihre Wolle sog sich voll, sie ertranken jämmerlich. Vier Tiere konnte die Tierärztin per Notoperation im Nieselregen retten. Eines wird es nicht schaffen, stand gestern fest.
Isegrim hatte nur wenige hundert Meter von der Ortschaft Uchtdorf entfernt ganze Arbeit geleistet. Die 6500 Volt im Zaun und die Blinklichter schreckten nicht ab. Roloff geht davon aus, dass es sich um drei Raubsäuger handelte, die fast täglich in der Gemarkung gesichtet werden. Fachleute nehmen an, dass es sich um Jungwölfe handelt, die nun ihre Kraft testen.
Als andere ihren Sonntag genossen, waren Joachim Roloff und seine Familie bis in die späten Abendstunden damit beschäftigt, die Folgen des nächtlichen Massakers zu beseitigen. Die verspengten Schafe mussten zusammengetrieben, ein neuer Pferch gebaut und die Kadaver geborgen und beseitigt werden. Die sieben vermissten Schafe waren auch gestern noch nicht gefunden.
Seine Arbeitszeit bekommt der Schäfer nicht bezahlt. Das Land entschädigt bei Wolfsrissen nur den Zeitwert des toten Tieres, eventuelle Tierarztkosten und die Tierkörperbeseitigung. Die zehn bis zwölf Lämmer, die „Mäuschen“ im Laufe ihres Lebens hätte noch bringen können, werden nicht ersetzt.
Außerdem lehrte ihn die Erfahrung, dass er lange auf sein Geld warten muss. Nach dem ersten Wolfsangriff im Februar 2014 bekam er die Entschädigung im September. Es ging um 200 Euro für ein Schaf. Das Land unterstützt die beruflichen Weidetierhalter außerdem mit Zuschüssen für den Zaunbau. Roloff nahm diese in Anspruch, investierte in starke Weidezaungeräte und neue Netze - vergebens, wie sich nun herausstellte. Er fordert: „Hier müssen endlich bisherige Tabus gebrochen werden.“
Er will seine insgesamt 500 Kopf große Herde in wenigen Jahren an seinen Sohn Achim übergeben. Der 26-Jährige gehört zu nicht einmal einer Handvoll jungen Menschen im Land, die in der Schäferei ihre Zukunft sehen. Finanziell auf Rosen gebett sind sie nicht, es sind Idealisten.
Achim Roloff hat mittlerweile sogar den Meistertitel in der Tasche. Nach den Vorfällen am Wochenende, den Erfahrungen mit den Behörden und unter dem Eindruck, dass hier zu Lande das Leben eines Wolfes mehr zu zählen scheint als das vieler Schafe inklusive der Existenz der Schäfer und ihrer Familien, denkt er über den Ausstieg aus der Schäferei nach.