Hasselfelde l Gesehen hat das Tier noch niemand. „Es kommt immer nachts, meist vor dem Morgengrauen“, berichtet Achim Ahrendt. Der Rinderbauer hält rund 1 200 Tiere am Stadtrand von Hasselfelde in einem schönen Tal unterhalb der Westernstadt. Doch seit Wochen wird der Tierzuchtbetrieb des Nachts gestört.

Ein Räuber mit ausgeprägtem Hunger auf Fleisch schleicht sich in die Ställe. Selbst extra aufgestellte Kameras umgeht er erfolgreich. Auch fiel eine Kamera schon mal um, weil gegen drei Uhr plötzlich Unruhe im Stall herrschte. Das Raubtier oder der Beutegreifer, wie man heute sagt, ist bisher einfach nicht nachzuweisen.

Vielleicht ist es ein Wolf, wie seit Tagen von Stiege bis Trautenstein erzählt wird. Aber ein Wolf könne es nicht gewesen sein, meint Ahrendt gegenüber der Volksstimme und zeigt auf ein Schlupfloch unter der Stalltür: Es ist für einen Wolf wirklich zu klein, ein Luchs könnte wohl hindurch. Aber traut der sich in einen Stall?

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Landwirt verdächtigt Luchs

Es kann nur ein Luchs gewesen sein, ist Achim Ahrendt überzeugt. Zehn tote Kälber zählt er nun vom 20. Februar bis zum vergangenen Wochenende und meldete das dem Kreisveterinäramt. Dort wird die Sache geprüft, während der Rinderbauer die toten Tiere sammelt und entsorgt. Sie bieten einen erbärmlichen Anblick. Die Kälber sind im Nacken oder am Hinterteil kräftig angefressen. Ein Tier hat am Wochenende die jüngste Raubtierattacke zum Glück gerade noch überlebt - aber ohne Ohren. Was aus ihm werden kann oder werden soll, weiß Achim Ahrendt noch gar nicht zu sagen.

Auf rund 8000 Euro schätzt er den finanziellen Schaden. Die Aufregung und die Ungewissheit nicht mitgezählt. Eine Wache würde nichts bringen. „Unser Betrieb ist etwa vier Hektar groß, mit vier Ställen, die lassen sich nicht alle überwachen“, so der Hasselfelder. Verluste an Tieren habe er in seiner Berufslaufbahn schon öfter gesehen, das sei auch normal. Aber die anhaltenden regelrechten Fressattacken seit etwa vier Wochen, das könne, das dürfe nicht so weiter gehen.

Die Kälbchen würden noch während der Geburt angefresssen, wenn sie noch halb in der Kuh stecken und die Mutterkuh sich nicht umdrehen und gegen den Beißangriff wehren kann“, berichtet der Rinderbauer. Oder wenn eine Kuh Zwillige bekam und sich um ein Kalb kümmert, werde das andere angeknabbert. „Wenn sich nichts ändert, schreibe ich 500 Euro Belohnung aus für jeden Luchs, der hier geschossen wird“, sagt Ahrendt erbost, und sieht sich alleingelassen.

Ungewöhnliches Verhalten für Katze

Anzeigen kann er die Sache eigentlich gar nicht. „Wer wäre dann der zu verfolgende Täter - ein Wildtier“, sagt Polizeisprecher Uwe Becker vom Revier Harz in Halberstadt. Jäger wissen inzwischen war Bescheid, dürften einen Luchs aber nicht schießen - Naturschutz! Und obendrein ist immer ist noch nicht klar, ob das Raubtier überhaupt ein Luchs ist.

Der Chef des Harzer Luchs­projektes beim Nationalpark Harz, Ole Anders, ist jedenfalls skeptisch. Der Luchs sei ein augeninteressierter Jäger, gehe nicht in Häuser oder Ställe, wo er die Beute nicht sieht. „Das Verhalten ist sehr sehr ungewöhnlich“, sagt Anders. Auch sei bisher nicht belegt, dass ein Luchs Kälber angreift und frisst. Die Untersuchung von Bissspuren eines vermeintlichen Luchses bei Stiege letztes Jahr hätten auch keinen Beweis erbracht. Aber wenn es kein Luchs war, was dann?

Anders will der Sache weiter nachgehen. Das Veterinäramt prüft, und der Rinderbauer fürchtet um seine Kälber.