Halberstadt l „Quedlinburg 1919“. Ein Raunen geht durch die Menge, als der Schriftzug gleich zu Beginn des Filmes auf der Leinwand erscheint. Der Saal in der Halberstädter Zuckerfabrik ist gut gefüllt zur Sachsen-Anhalt-Premiere am Donnerstag. Groß ist das Interesse an „Frantz“, der französisch-deutschen Kinoproduktion, deren Dreharbeiten 2015 in Wernigerode, Quedlinburg und Bad Suderode für Furore sorgten.

„Viel Lärm um Frantz“ titelte die Harzer Volksstimme vor gut einem Jahr, als die Filmleute in Wernigerode Einzug hielten, als die Straßen rings um den Liebfrauenkirchhof abgeriegelt waren, als Anwohner ihre Klingelschilder abkleben und Geschäftstreibende ihre Werbung abhängen mussten. Als wieder ein Hauch Leben durch das leerstehende Pfarrhaus wehte, das von Star-Regisseur Francois Ozon zur Drehkulisse auserkoren wurde.

Nicht nur in Wernigerode waren die Dreharbeiten aufwendig. Der Haltepunkt der Selketalbahn in Bad Suderode musste für einen Tag lahmgelegt und Schienenersatzverkehr zwischen Quedlinburg und Gernrode eingerichtet werden, damit dort gefilmt werden konnte.

Bilder

Im Stil der 1920er Jahre

Die Ladenzeile in Quedlinburgs Breiter Straße erhielt ein völlig neues - oder besser gesagt altes – Gesicht im Stil der 1920er Jahre. Der Ratskeller diente als Schankwirtschaft und Hotel zugleich. Den besten Blick hatte übrigens Frank Ruch, der Quedlinburger Stadtchef, der die Filmerei hautnah vom Fenster seiner Amtsstube aus verfolgte. Einer der wenigen, der einen Blick auf Schauspieler und Regisseur erhaschen konnte, denn das Filmset war komplett abgeriegelt. Keine Zaungäste erwünscht.

Umso neugieriger sind die Harzer auf den fertigen Film. Etliche sind nach Halberstadt gekommen, um das Ergebnis der Dreharbeiten zu sehen, darunter eine ganze Delegation der Quedlinburger Stadtverwaltung. Die Wernigeröder Amtskollegen fehlen. Sie sind wegen einer Stadtratssitzung verhindert. Lediglich Sabine Krüger von der Tourismus GmbH hat sich unter die Premierengäste gemischt. „Mich interessiert, wie viel Wernigerode im Film steckt“, sagt sie.

Etliche Komparsen haben sich zur Premiere eingefunden – wie Jessica Könnecke und Alina Augsten. Die beiden jungen Ballenstedterinnen waren bei den Dreharbeiten in Quedlinburg und Bad Suderode eingesetzt. „Wir wollten mal Filmluft schnuppern, sind einfach zum Casting gefahren und wurden genommen“, so die Schülerinnen, die gespannt sind, ob sie sich im Film entdecken.

Große Chance für Darsteller

Verglichen mit der großen Premiere am Mittwoch in Berlin, bei der sich die Darsteller um Paula Beer und Pierre Niney, Regisseur Francois Ozon und viele Gesichter der deutschen Filmszene auf dem roten Teppich tummelten, fällt der Empfang in Halberstadt weniger glamourös aus. Anton von Lucke, der im Film den Frantz spielt, stellt sich dem Publikum vor. Der junge Mime hat erst vor zwei Jahren die Schauspielschule abgeschlossen, war danach festes Ensemblemitglied im Göttinger Theater. Für „Frantz“ hat Francois Ozon den Hamburger vom Fleck weg engagiert. „Für mich ist ein Traum in Erfüllung gegangen“, sagt er im Volksstimme-Gespräch. „Ich liebe das französische Kino. Eine große Chance.“ An die Dreharbeiten im Harz kann sich der 27-Jährige gut erinnern. „Hübsche Städtchen, viele schöne Ecken.“ Auf die Vorstellung in Halberstadt freut er sich. „Ich habe den Film noch nicht mit normalem Publikum gesehen. Das ist etwas ganz anderes.“

Der Film beginnt. Quedlinburg nach dem Ersten Weltkrieg. Berührend ist die Geschichte von Anna (Paula Beer), die um ihren Verlobten Frantz (Anton von Lucke) trauert und bei Adrien (Pierre Niney) Trost findet. Der junge Franzose gibt vor, ein Freund von Frantz zu sein. Doch Adrien muss mit dem eigenen Trauma fertig werden. Er flieht zurück nach Frankreich. Es geht um Schuld und Vergebung, um die Bedeutung von Lüge und Freundschaft. Regisseur Ozon erzählt den Film fast durchgängig in dezent-bedrückenden Schwarz-Weiß-Bildern. Nur in den Momenten, in denen Hoffnung keimt, kommt Farbe ins Spiel. Die Bilder tragen die Gefühle.

Zuschauer beeindruckt

Das kommt beim Publikum gut an. „Der Film war schön, ich musste sogar weinen“, sagt eine Zuschauerin nach der Vorstellung. „Ein hervorragend fotografierter Film, wunderbar“, so das Fazit von Dirk Bahnsen, Sprecher der Harzer Schmalspurbahnen (HSB), der „Frantz“ in Berlin erleben durfte. „Neben dem HSB-Zug sind französische Dampfzüge zu sehen. Eisenbahnfreunde kommen also auf ihre Kosten.“ Wernigerodes Rathaussprecherin Winnie Zagrodnik, ebenfalls Premierengast in Berlin, ist auch voll des Lobes. „Ein Film, der es wert ist, von vielen Leuten gesehen zu werden, atmosphärisch dicht, schöne Momente und viel Zeit für Fantasie.“ Ein bisschen schade sei, dass im Film wenig von Wernigerode zu sehen ist. „Viele Szenen spielen in dem alten Pfarrhaus.“ Außer in einigen kurzen Nachtaufnahmen sei vom Liebfrauenkirchhof wenig zu entdecken.

Dafür kommen die Quedlinburger mit vielen Straßenszenen auf ihre Kosten. Die Teufelsmauer spielt im Film ebenso eine tragende Rolle, wird mehrfach von den Protagonisten erklommen. Wo allerdings der See ist, in dem Adrien sein Bad nimmt, bleibt das Geheimnis der Filmemacher.