Zerbst l „Bloß kein Mitleid“ - jede Faser des ausgemergelten Körpers scheinen mir diese drei Worte entgegenzuschreien.

Helmut Syring ist sterbenskrank. Er weiß das. Und er will das Wissen darum nicht verdrängen, aber er will auch um keinen Preis der Welt für Familie und Freunde der sein, der dem Tod geweiht ist. „Krank sind viele. Ich mach‘ aus der Geschichte keine Sondernummer“, sagt Syring. Und er wiederholt diesen Satz in vielen Variationen während unseres anderthalbstündigen Gesprächs wie ein Mantra.

Das Sterben kam unerwartet

Dabei ist es keineswegs so, dass der 75-Jährige sich lange schon mit dem eigenen Tod auseinandergesetzt hätte. Die Konfrontation mit dem Sterben kam unerwartet. Im September vorigen Jahres musste Helmut Syring ins Krankenhaus. Ein schlimmer Anfall von Herzrhythmusstörungen. Ein Problem, das ihn schon lange begleitete. Er wurde neu eingestellt, bekam neue Blutverdünner und wurde entlassen. Der Blutverdünner erst habe zutage gebracht, was bis dahin auch den Ärzten verborgen geblieben war, erzählt Syring: den Tumor in der Lunge. Das neue Medikament hatte ihn zum Bluten gebracht.

Kurz darauf die brutale Wahrheit: Der Lungenkrebs war inoperabel. Brutal nicht nur, weil er in dem Moment anfangen musste, sich mit dem Sterben zu beschäftigen. „Krieg‘ ich sie jemals wieder – das hat mich mehr interessiert als meine eigene Krankheit“, sagt Helmut Syring. Er spricht von seiner Frau, die seit 40 Jahren an Multipler Sklerose leidet, die er 40 Jahre lang gepflegt hat und die von heute auf morgen in einem Heim leben musste. Erst nur als Übergangslösung.

Inzwischen ist sicher, dass Helmut Syring nie wieder so gesund sein wird, dass beide gemeinsam in ihrer Wohnung leben können, in der sie mehr als 40 Jahre gewohnt haben. „Wir waren durch ihre Krankheit so zusammengewachsen, dass mir in dem Moment eine Seite von mir abgeschnitten wurde.“

Der Kampf gegen den Krebs endet

Helmut Syring versucht am Anfang noch, den Krebs zu bekämpfen. Er unterzieht sich einer Chemotherapie. Eine Strahlentherapie bricht er dann aber ab. Sie hätte ihm die Speiseröhre verbrannt, er hätte künstlich ernährt werden müssen. „Das alles um den Preis, zwei oder drei Monate länger leben zu dürfen.“ Helmut Syring entscheidet sich dagegen. Er kehrt zurück nach Hause, unterzieht sich einer Palliativbehandlung, bis auch er nicht mehr allein leben kann. Als er Anfang Juni ins Hospiz zieht, hat er massiv abgebaut. Zu dem Zeitpunkt kann er außer einem halben Brötchen am Tag nichts mehr essen. Sein Körper schafft es nicht mehr. Die Krankheit liegt schwer auf der Seele.

Das Hospiz fängt ihn auf. „In den Tagen hier habe ich eine andere Haltung zum eigenen Leben gefunden. Ich habe neuen Lebensmut bekommen“, sagt der Todgeweihte. „Ich esse wieder normal, die Schmerzen werden durch Medikamente gelindert, meine Psyche hat sich wieder aufgebaut. Diese Nähe hier und herzliche Zuneigung und Liebe hätte ich in meiner Situation nirgendwo so bekommen. Die Schwestern setzen sich immer mit an den Tisch, essen mit, wir reden über Gott und die Welt und die großen Philosophen. Man wird umarmt , wird gestreichelt. Und das ist ehrlich. So ein schönes Leben wie in den vergangenen Tagen hatte ich die letzten 30 Jahre nicht.“

Helmut Syring sitzt im Rollstuhl in der Sonne auf der Terrasse vor seinem Zimmer. Man merkt ihm an, dass er mit so viel Zuneigung und der Bereitschaft, ohne Gegenleistung zu helfen und zu umsorgen, nie gerechnet hat. „Der Nachteil ist, dass man vergisst, warum man hier ist.“ Wie aus dem Nichts kommt der Sarkasmus, eine Schutzschicht, die sich über die Gefühle legt.

Dass so viele Menschen bei dem Gedanken an ein Hospiz zurückschrecken, ist für ihn unverständlich. „Der Tod gehört zum Leben wie die zwei Enden zu einer Bockwurst.“ Da ist wieder das Mantra. Unsinn, aus dem Sterben ein Tabu zu machen. Angst vor Berührung mit dem Tod? „Berührungsängste sind ein zweischneidiges Prinzip“, sagt Helmut Syring. „Man muss auch selbst etwas dazu beitragen, dass es keine Berührungsängste gibt. Wenn ich immer jammere, dann halte ich keinen Freund.“

Neue Sicht auf das Leben

Ja, auch er habe gehadert mit dem Krebs. Die Diagnose hatte ihn zwar nicht überrascht, auch sein Vater und sein Bruder waren an Lungenkrebs erkrankt. „Aber es gab eine Zeit, da habe ich darüber nachgedacht, was ich alles nicht mehr machen kann“, erinnert sich der 75-Jährige. Das Schlimmste ist wohl – außer dass er seine Frau nicht mehr pflegen kann – dass er von seinen Uhren Abschied nehmen musste. Er hat alte Taschenuhren gesammelt und war einer der wenigen, die sie auch noch reparieren konnten. „Ich würde gern mal wieder eine Uhr auseinandernehmen.“ Ein bisschen Wehmut klingt mit. Und die Bücher in seiner Wohnung – auch die konnten nicht mit ins Hospiz. Auch das ein Abschied. Ja, da sei er schon mal tieftraurig gewesen. Aber das sei überwunden. „Dafür sind wir Menschen, dass wir uns rational vor Augen halten können: Was kann ich und was nicht. Das bringt mir mehr, als zu leiden.“

Was zählt, ist das Jetzt. Dass es ihm besser geht. Dass seine Frau inzwischen in einem Zerbster Pflegeheim direkt neben dem Hospiz wohnt und sie sich täglich sehen können. „Mein Ziel ist, dass ich noch 76 werde.“ Das ist im Januar.