Schlichtweg verbieten oder komplett legalisieren - zwischen diesen beiden Extremen bewegt sich die Debatte über die Sterbehilfe in Deutschland. Die Diskussion hat an Fahrt gewonnen, seit sich der Bundestag mit einem entsprechenden Gesetz beschäftigt. Oder besser vorerst herumquält.

Ziemlich in der Mitte zwischen den radikalen Ansichten bewegt sich CDU-Bundestagsabgeordneter Tino Sorge, schon durch seine Tätigkeit im Gesundheitsausschuss mit dem Gegenstand verbunden. Um sich und anderen mehr Klarheit in dieser "Grenzfrage" zu verschaffen, hat er zu einem Forum in Magdeburg geladen.

"Am Ende kommt Wertvollstes zum Vorschein." - Tabea Friedersdorf, Hospiz-Leiterin

Die beiden Gesprächspartner im Podium sind ausdrücklich gegen den "ärztlich assistierten Suizid": Tabea Friedersdorf, Leiterin des Hospizes "Luisenhaus" der Pfeifferschen Stiftungen Magdeburg und Albert Steinhäuser, Vertreter der evangelischen Kirche beim Land Sachsen-Anhalt.

Tabea Friedersdorf leitet das kirchliche Hospiz seit elf Jahren. "Am Ende sieht alles anders aus", fasst sie ihre Erfahrungen zusammen. "Für diejenigen, die ich beim Sterben begleiten durfte, war dies kein Horror, sondern ein Geschenk. Wenn ein Leben zu Ende geht, kommt zum Vorschein, was daran wertvoll war."

Albert Steinhäuser meint, dass unterstütztes so genanntes "würdevolles Sterben" suggeriere, ein normales Sterben sei nicht würdevoll. Auch an der Selbstbestimmheit von Sterbehilfe-Wünschen zweifelt er und erklärt, dies geschehe viel mehr aus Angst und Furcht.

Die Schlagseite in diese Anti-Richtung ergibt sich aus dem Umstand, dass der Hallenser Medizinrechtler Hans Lilie, der eine liberalere Ansicht zur Sterbehilfe vertritt, krankheitsbedingt verhindert ist.

Die rund 50 Gäste im Saal sind jedenfalls geteilter Meinung. Ein Betroffener berichtet vom erschütternden Schicksal seiner Frau, die in kürzester Zeit an Krebs gestorben sei und dabei schrecklich gelitten habe. "Palliativmedizin hätte ihr nichts geholfen", sagt der Forums-Gast. "Ich war dem Himmel dankbar, dass es nach 18 Tagen vorbei war!"

Auf der anderen Seite wird aus dem Publikum daran erinnert, dass aktive Sterbehilfe dem hippokratischen Eid eines Arztes widerspreche. Prof. Hans Lippert, früherer Ärztlicher Direktor des Magdeburger Uniklinikums betont, dass Rahmenbedingungen geschaffen werden müssten, die einen würdevollen Sterbeprozess ermöglichten.

"Ärzte werden niemalseine Giftspritze nehmen." - Prof. Hans Lippert, früherer Ärztlicher Direktor des Magdeburger Uniklinikums

"Für Extremfälle ist die Hospizbewegung das Beste was wir haben. Ärzte werden niemals eine Giftspritze nehmen, um jemanden umzubringen."

Das muss auch nicht unbedingt sein. Tabea Friedersdorf sagt, bei nur fünf von über 1000 Menschen, die sie beim Sterben begleitet habe, sei eine "palliative Sedierung" angewendet worden. In solchen Fällen werden solange Medikamente gegeben, "bis der Kopf ausgeschaltet ist". Dies ist eine indirekte Form der Sterbehilfe. Eine Ärztin schildert in bewegenden Worten ihre Ansicht, gespeist durch jahrelange Arbeit in der Geriatrie: "Ich habe pro Woche einen Menschen beim Sterben begleitet. Darunter waren Menschen, die haben jeden Tag geschrien: Helfen Sie mir. Diese liegen mir auf der Seele. Für dieses eine Prozent muss es eine Lösung geben." Das Saalpublikum applaudiert.

Als Minimalkonsens darf wohl gelten: Mögliche Sterbehilfe-Bedürftige bilden einen geringen Teil der Menschen in ihrer letzten Lebensphase. Das berechtigt aber nicht dazu, ihre Sterbewünsche zu ignorieren. Zudem wird ein Tabu aufgebrochen und begonnen, eine Last von der Gesellschaft zu nehmen. Ein Gesetz dafür zu schaffen, wird den Bundestag das gesamte kommende Jahr über in Anspruch nehmen. Wenn es überhaupt gelingt. Bisherige Standpunkte werden quer durch die Fraktionen überdacht und vielleicht geändert werden müssen.

Bewegt habe sich auch die Kirche, betont Albert Steinhäuser. Früher hätten Selbstmörder nicht auf einem Gottesacker beerdigt werden dürfen. Das habe sich geändert, hält der Oberkirchenrat befriedigt fest.