So funktionieren Youtube-Kanäle

Auf der Internetseite www.youtube.de kann jeder seine Videos hochladen. Youtube-Blogger, auch Youtuber genannt, machen das regelmäßig. Sie haben einen eigenen Kanal - also eine Unterseite, auf der ihre Werke gesammelt sind. Sie legen sich auf ein Oberthema fest, zum Beispiel Kosmetik oder Technik.

Internetnutzer können sich die Videos eines Bloggers anschauen und dessen Kanal kostenlos abonnieren, um schneller seine neuesten Videos zu finden.

Je mehr Abonnenten ein Kanal hat, desto mehr kann man verdienen. Möglich ist das u. a. über Produktplatzierungen in den Videoclips und über Werbespots, für die man sich bei der Google-Firma "AdSense" anmeldet und die dann vor jedem Clip eingeblendet werden.
Erfolgreiche Blogger sind meist Mitglied in einem Netzwerk. Dieses funktioniert als eine Art Plattenfirma: Es vermittelt Anzeigenkunden, stellt Technik, hilft bei rechtlichen Fragen. Dafür kassiert es einen Teil der Werbeeinnahmen.

Youtube-Kanäle gibt es auch von Unternehmen wie Plattenfirmen oder Fernsehsendern.

Zu den beliebtesten deutschen Youtube-Kanälen mit selbstgemachten Clips gehören der von Videospieltester "Gronkh" (3,5 Millionen Abonnenten) und der Comedy-Kanal "DieAussenseiter" (2,1 Millionen).

Links zu Youtuber-Kanälen mit mehr als einer Million Fans:


Online-Videos immer angesagter

194 Millionen Online-Videos wurden 2012 in Deutschland täglich aufgerufen - doppelt so viele wie drei Jahre zuvor. Dazu gehört neben Youtube z. B. auch MyVideo. Noch erfolgreicher als selbstgemachte sind hierbei Musikvideos.

11,4 Millionen Deutsche waren 2012 täglich auf Youtube unterwegs - im Vergleich zu 2009 hat sich die Zahl fast verdreifacht.

2,5 Millionen Deutsche stellten 2014 regelmäßig eigene Videos auf Plattformen wie Youtube - im Vorjahr waren es noch 2,2 Millionen.

Unter Jugendlichen ist Youtube das beliebteste Online-Angebot überhaupt. Doch nicht nur bei ihnen ist der Dienst gefragt: Mehr als ein Drittel der Nutzer ist zwischen 18 und 34 Jahre alt.

Im Februar ist Youtube zehn Jahre alt geworden.

Quellen: IfD Allensbach, Goldmedia, BLM, Seven One Media, Socialbakers, Ipsos, JIM-Studie

Beruf: Nintendo spielen

Leipzig l Das dürfte auf der Traumjob-Liste von Männern sogar den Lego-Bauer schlagen: Felix Bahlinger verdient seine Miete damit, dass er Nintendo spielt, ferngesteuerte Helikopter abstürzen lässt und Smartphones aus dem fünften Stock wirft. Wie er das angestellt hat? Vor fünf Jahren war ihm mal langweilig. Da hat sich der Leipziger dabei gefilmt, wie er ein Gratis-Spiel auf dem Handy ausprobiert, auf Youtube einen Kanal namens "FelixBa" eingerichtet und hat sein Video dort hochgeladen.

Mit Profi-Arbeit hatte das so gar nichts zu tun, erzählt der 20-Jährige: "Ich hatte die erbärmlichste Ausrüstung überhaupt. Kein Licht, kein Stativ, nur die Digitalkamera meiner Eltern." Sein Technik-Test kam im Netz trotzdem an - vielleicht, weil Felix seine fachchinesischen Erkenntnisse in unterhaltsames Laien-Deutsch übersetzte. Also machte er weiter, erst neben der Schule, dann neben dem Praktikum in einer Webdesign-Firma. Heute hat der Kanal 91 000 Abonnenten - und Felix seine Studienpläne ad acta gelegt.

"Seit einem dreiviertel Jahr kann ich davon leben", sagt der Youtuber. Denn auf dem Technik-Markt geben Firmen viel Geld für Werbung aus. Sie schalten Spots vor Felix‘ Videos oder bezahlen dafür, dass er unter seine Beiträge einen Link zu ihrer Internetseite setzt. Früher bekam er auch oft Geld dafür, dass er bestimmte Geräte testete. "Inzwischen kaufe oder leihe ich mir aber das meiste selbst. So beuge ich Vorwürfen vor, dass ich keine unabhängige Meinung hätte." Schwarze Schafe gebe es zur genüge. Er lasse sich aber nicht kaufen, verspricht er - auch wenn Felix schon einige E-Mails von Firmen bekommen habe, die ihm Geld für Lob-Videos boten. "Sonst würde ich ja mein Ansehen verlieren."
Unabhängigkeit bringt aber auch mehr Investitionen mit sich. Zwei Drittel seiner Einnahmen, sagt er, stecke er wieder in den Kanal. Neben den Testgeräten gehört dazu auch eine Profi-Ausrüstung zum Filmen und Schneiden. Von dem, was übrig bleibt, werde er zwar nicht reich. "Ich habe zum Beispiel kein Auto", erzählt der Leipziger. "Aber dafür kann ich mir eine schöne Wohnung leisten." Vier Videos pro Monat stellt Felix ins Netz. Dazu kommt ein bisschen Organisation - unterm Strich macht das etwa eine 40-Stunden-Woche.

Und wenn sich in 20 Jahren keiner mehr für Youtube interessiert? "Dann komme ich bestimmt unter", sagt Felix selbstbewusst. "Ich hatte ja schon mehrere Jobangebote von Technikfirmen."

Felix‘ Kanal findet man unter www.youtube.com/user/felixba94


Rat für den ungewaschenen Metal-Fan

Halle l Wie bezirzt ein Heavy-Metal-Fan gekonnt sein Traumweibchen? Und welche Headbang-Technik schont am ehesten den Nacken? "Der dunkle Parabelritter" weiß Rat. Schließlich ist er Metaller durch und durch: lange Mähne, Totenkopf-Shirts und eine tiefe Liebe zu düsteren Gitarren. Seit zweieinhalb Jahren gibt er auf Youtube Tipps für Gleichgesinnte. Im wahren Leben heißt er Alexander Prinz, wohnt in Halle und will - kein Scherz - Lehrer werden. Ein Problem sieht er da nicht. "Ich mache mich ja vor der Kamera nicht zum Vollobst", sagt der 20-Jährige. Das stimmt. Aber ganz so ernst nimmt er sich auch nicht. Das merkt man besonders, wenn er in einem Video mal wieder mit den gängigen Heavy-Metal-Klischees spielt: der Fan als ungewaschenes, biertrinkendes Wesen, das gern mal eine Katze opfert.
Auf Alex‘ Kanal gibt‘s aber auch Bandinterviews, CD-Kritiken, Festivalreportagen. Manchmal geht es sogar um ernste Themen wie Depressionen. Diese Mischung hat dem Hallenser schon 24 000 Abonnenten beschert. Dabei ging es ihm am Anfang gar nicht um Erfolg. Er wollte sich eigentlich nur ablenken. "Nach einer Trennung hatte ich Zeit, Geld und Energie", erzählt er. Bei einem Festival lernte er einen Youtube-Blogger kennen. "Da dachte ich mir: Das kannst du auch!" Praktischerweise hatten sich seine Eltern gerade eine Kamera gekauft. Fehlte noch ein Name für seinen Kanal. Dafür grub Alex tief in den Erinnerungen an seine Schulzeit - und wurde fündig bei einer Freistunde in der siebenten Klasse: "Da haben wir Ritter gespielt. Ich nahm die große Parabel für die Tafel als Schild, das brachte mir den Spitznamen ‚der dunkle Parabelritter‘ ein."

Na, dann konnte er ja loslegen. Erst versuchte er sich an Comedy-Kurzfilmen - bei Liebeskummer eine hervorragende Idee. "Nach einem Jahr habe ich dann mal etwas zu Heavy Metal gemacht, da hatte ich plötzlich 1000 Klicks." Also sattelte er um. Heute verdient der Blogger mit Werbung, die vor seinen Videos läuft, auch Geld - doch davon kann er keine großen Sprünge machen, erzählt er. "Für viel mehr als einmal Essengehen im Monat reicht es nicht. In meinem Bereich gibt es eben kaum Werbekunden."

Trotzdem nimmt der Hallenser einiges an Stress auf sich. Zweimal pro Woche lädt er ein Video hoch. "In der Nacht davor schlafe ich kaum", erzählt er. Schließlich stecken in den Clips im Schnitt sieben Stunden Arbeit - bis auf einen Kumpel, der mal die Kamera hält, macht er alles allein. Und das Studium? "Bisher habe ich fast jede Prüfung bestanden. Aber es ist schon chaotisch." Allerdings weiß Alex, wofür er sich das antut: "Es ist eine Sucht. Ich bin der einzige in Deutschland, der so etwas macht. Daher kennen mich in der Szene viele Leute." Und auch wenn man‘s kaum glauben mag, helfen ihm die Videos sogar beim Lehrer-Werden: "Ich bin besser im freien Sprechen geworden!"

Alexanders Kanal ist zu finden unter www.youtube.com/user/DunklerParabelritter

Kurzinterview
Im Gespräch mit Prof. Ilona Wuschig
Fernsehen holt sich Talente aus dem Internet

Die Faszination für Youtube-Videos Marke Eigenbau und die Auswirkung aufs Fernsehen erklärt Professor Ilona Wuschig, Medienwissenschaftlerin an der Hochschule Magdeburg-Stendal.

Volksstimme: Woher kommt die Faszination für selbstgemachte Youtube-Videos?
Ilona Wuschig: Viele der dort abgehandelten Themen sprechen zwar eine recht große Zielgruppe an, für das Fernsehen ist diese aber zu klein. Dazu gehört etwa der Bereich Videospiele, aus dem viele Macher der Videoclips ursprünglich kommen. Außerdem werden in solchen Clips Zusammenhänge verständlich und mit Humor erklärt, was besonders jungen Menschen wichtig ist. Hinzu kommt, dass ein Youtube-Blogger, gerade weil kein großes Medium hinter ihm steht, authentischer wirkt als ein professioneller Moderator. Dadurch kann man sich gut mit ihm identifizieren.

Läuft Youtube dem Fernsehen dann den Rang ab?
Nein. Die Deutschen sehen wie in den Vorjahren gut dreieinhalb Stunden am Tag fern. Der Tatort oder die Fußball-WM zum Beispiel bleiben Ereignisse, zu denen man mit Freunden vor dem Fernseher zusammenkommt. Abgesehen davon werden bei Youtube oft auch TV-Inhalte geschaut, und bei vielen Nutzern von Youtube oder ähnlichen Diensten läuft parallel der Fernseher.

Wie werden sich die Kanäle weiterentwickeln?
Die Kanäle werden wohl weiter wachsen. Viele Youtuber sind bereits professionell, Firmen wie Mediakrat und Vereine wie 301+ unterstützen diesen Prozess weiter, und man wird sie noch professioneller gestalten. Außerdem werden TV-Sender zunehmend Youtube-Talente ins Fernsehen holen - vermutlich sieht man dann öfter mal einen Blogger aus dem Comedy-Bereich bei Stefan Raab.

 

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