GEW-Chef Lippmann erklärt, warum die Personalpolitik der Landesregierung vor dem Scheitern steht und das Land viele junge Lehrer braucht. Mehr als es womöglich auf dem Markt gibt. Ihn fragten die Volksstimme-Redakteure Jens Schmidt und Hagen Eichler.

Volksstimme: Herr Lippmann, wir haben in Sachsen-Anhalt auf dem Papier mehr Lehrer pro Schüler als andere Bundesländer und trotzdem fallen - wie jetzt in Weferlingen - Stunden aus. Was ist da los?

Thomas Lippmann: Das eine ist das Papier von Finanzminister Bullerjahn - und das andere ist die Realität. Bullerjahns Personalkonzept und seine Stellenabbaupläne gehen meilenweit an der Wirklichkeit vorbei. Hält die Regierung weiter daran fest, fehlen ab dem Schuljahr 2015/16 gut 600 Lehrer. Wohl gemerkt: pro Jahr. Im zweiten Jahr sind es schon 1200, dann 1800 und so weiter. Dann würde es zu massiven Unterrichtsausfällen kommen.

Volksstimme: Wie in Weferlingen.

Lippmann: Man könnte sagen: Weferlingen ist dann fast überall. Nach 2016 wäre es dann in vielen Regionen sogar noch schlimmer. Bei einem so starken Lehrermangel würde die Unterrichtsversorgung jedes Jahr um etwa 5 Prozentpunkte sinken.

Volksstimme: Was bedeutet das?

Lippmann: Von einer ausreichenden Versorgung kann man erst ab etwa 105 Prozent sprechen, da ja Kollegen auch mal ausfallen können. Die erreichen wir jetzt schon nicht mehr überall. Wenn die Regierung stur bleiben würde, dann läge die Versorgung bald deutlich unter 100 Prozent. Zwangsläufig müssen dann viele Stunden ausfallen. Nicht nur sogenannte Nebenfächer, auch Deutsch oder Mathe. Einzig in den Gymnasien ist die Stundenzahl gesetzlich vorgeschrieben. In Grund- und Sekundarschulen aber nicht. Mein Fazit: Das Personalentwicklungskonzept der Regierung ist gescheitert. Ich prophezeie: Ab 2015 wird Bullerjahns Papier im Reißwolf landen.

Volksstimme: Was macht Sie da so sicher?

Lippmann: Diese Zustände lassen sich Eltern nicht bieten. Ich kann mir auch nicht vorstellen, dass Landespolitiker ein Jahr vor der Landtagswahl das so hinnehmen werden. Die Fraktionen, auch von CDU und SPD, werden nicht tatenlos zuschauen und Druck auf Bullerjahn und Haseloff machen.

Die Regierung soll die Schotten aufmachen

Volksstimme: Und Sie werden mit Ihrer Gewerkschaft den Druck noch verstärken?

Lippmann: Wir müssen das gar nicht. Was ich sage, ist keine gewerkschaftspolitische Meinung, sondern die mathematisch-logische Konsequenz aus einer falschen Personalpolitik.

Schauen wir auf die Zahlen: Jährlich scheiden etwa 800 ältere Kollegen aus. Finanzminister Bullerjahn erlaubt 200 Neueinstellungen. Das ist ein Manko von 600. Selbst wenn die Regierung wie geplant kleine Grundschulen schließt, könnte sie mittelfristig vielleicht 200 Stellen einsparen. Das wäre ein Tropfen auf den heißen Stein. Das würde die Probleme nicht mal für ein Jahr lösen. Man müsste also noch weitere Schulen dichtmachen. Doch schon die jetztgen Schließungspläne gehen vielen zu weit - übrigens nicht nur uns, sondern auch vielen CDU-Abgeordneten.

Was kann die Regierung noch tun? Erneut Sekundarschulstandorte zur Disposition stellen? Seit 1990 wurden schon 75 Prozent der Sekundarschulen geschlossen. Da ist kein Sparpotenzial mehr, es sei denn, man will die Kinder mit dem Hubschrauber zur Schule zu fliegen. Der Regierung wird gar nichts anderes übrig bleiben, als die Schotten aufzumachen, um jährlich zwischen 600 und 800 neue Lehrer einzustellen - so, wie wir das seit Jahren fordern.

Volksstimme: Sind denn genügend Absolventen da?

Lippmann: Sachsen-Anhalt wird erhebliche Probleme haben, so viele junge Lehrer noch zu bekommen. Denn der Bedarf ist riesig. Andere Ost-Länder wie Sachsen, Brandenburg und Mecklenburg-Vorpommern stellen jetzt schon tausende junge Lehrer ein. Der Markt wird bald wie leergefegt sein.

Volksstimme: Andere Länder haben mehr finanzielle Spielräume, sagt der Finanzminister.

Lippmann: Die anderen stellen doch nicht Lehrer ein, weil sie viel Geld haben, sondern weil sie junge Lehrer brauchen, damit kein Unterricht ausfällt. So wird ein Schuh daraus

Der Westen ist der falsche Maßstab

Volksstimme: Aber andere Bundesländer kommen mit weniger Lehrern je Schüler aus.

Lippmann: Sehen Sie, das ist doch der Riesen-Denkfehler, dem Bullerjahn und die gesamte Regierung unterliegen: Die Koalition strebt eine Lehrer-Schüler-Relation an, wie sie im Durchschnitt aller Bundesländer besteht. Der Punkt ist aber, dass die sogenannte Schülerdichte in Sachsen-Anhalt weit unterdurchschnittlich ist. Hier leben also deutlich weniger Kinder in der Fläche als in vielen Westländern. Daraus folgt logischerweise, dass wir hier mehr kleinere Schulstandorte haben. Und daraus ergibt sich zwangsläufig auch ein erhöhter Lehrerbedarf. Ganz anders als etwa in sehr dicht besiedelten Ländern wie in Nordrhein-Westfalen oder Baden-Württemberg - deren Lehrer-Schüler-Zahlen übrigens ganz stark den Bundesdurchschnitt bestimmen und damit verzerren. Bullerjahn orientiert sich an einem falschen Ziel; er vergleicht Äpfel mit Birnen.

Volksstimme: Ostländer wie Mecklenburg-Vorpommern, Brandenburg und Thüringen sind ähnlich dünn besiedelt wie wir und dennoch effektiver.

Lippmann: Nur Mecklenburg-Vorpommern hat traditionell wenige, aber größere Schul-standorte. Das ist effektiver, ja, aber mit weiten Wegen verbunden. Aber auch an der Ostsee werden jetzt deutlich mehr junge Lehrer eingestellt. Daran kommt auch Mecklenburg-Vorpommern nicht vorbei.

Volksstimme: Die Regierung wollte, dass die Lehrer hier eine Stunde pro Woche mehr arbeiten. Deren Argument: Das schaffen Kollegen in anderen Ländern auch und das hätte hier obendrein 600 Stellen gespart. Warum haben Sie das abgelehnt?

Lippmann: Unsere Kollegen geben 25 Unterrichtsstunden je Woche. Mit Vor- und Nachbereitung kommen sie auf etwa 50 Arbeitsstunden je Woche. Wir finden, dass das nicht wenig ist. Was die anderen Länder betrifft: Im Westen gab es einen Schülerboom, der jetzt allmählich sinkt. Auch die Arbeitszeiten der Kollegen dort gehen wieder zurück. Wir nähern uns also an.

Kompromiss wurde ausgeschlagen

Volksstimme: Ab den späten 90er Jahren wurden wegen rapide sinkender Schülerzahlen Lehrer in Altersteilzeit geschickt. Heute fehlen sie. Ein Fehler?

Lippmann: Altersteilzeit war nicht der alleinige Weg, um den Einbruch der Schülerzahlen von mehr als 50 Prozent vom Ende der 90er Jahre bis etwa 2008 aufzufangen. Der Stellenüberhang wurde bis 2012 durch verkürzte Arbeitszeiten ausgeglichen, um niemanden zu entlassen. Dagegen ist die aktuelle Altersteilzeit ein Herzenswunsch der Regierung, um Stellen zu sparen. Wir haben dem zugestimmt, weil viele ältere Kollegen gern kürzer treten wollten.

Wir hatten aber einen anderen Weg vorgeschlagen: Ältere Kollegen arbeiten kürzer, dafür werden mehr jüngere eingestellt. Wenn auf diese Weise 100 Unterrichtsstunden älterer Lehrkräfte von jüngeren übernommen worden wären, hätte die Regierung wegen der niedrigeren Vergütung für Jüngere das Geld für eine ganze Stelle gespart. Und wir hätten mehr junge Kollegen im Dienst. Eine Win-Win-Situation. Leider ist die Regierung nicht auf unseren Vorschlag eingegangen.

Volksstimme: Ab 2025 wird die Schülerzahl wieder fallen - ein Echo auf den Geburtenknick nach der Wende. Sind weitere Schulschließungen da nicht logisch?

Lippmann: Das sind Probleme, die Politiker ab 2020 zu lösen haben. Wir lehnen Schließungen im Vorgriff auf einen noch recht vagen Trend ab. Die Geburtenzahlen gehen sicherlich zurück, aber wir wissen heute noch nicht genau wie stark. Es gibt zudem regionale Unterschiede, die wir heute noch nicht überblicken können. Siehe Magdeburg. Da wurden viele Einrichtungen geschlossen. Jetzt werden neue Kitas und ein neues Gymnasium gebaut.