Von Silke Janko und Wolfgang Schulz

Versöhnung und Vergebung" – unter diesem Titel tagen heute die Opferverbände in der Gedenkstätte "Roter Ochse" in Halle. Prominenter Gast ist die Bischöfin der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland (EKM), Ilse Junkermann.

Das hochbrisante Thema Versöhnung schwelt in der Gesellschaft seit Jahren: Im Kern geht es dabei um die Frage des Umgangs mit der DDR-Vergangenheit, mit den Systemträgern und jenen Menschen, die zum Täter wurden – die inzwischen, 20 Jahre nach der Wende, kontrovers diskutiert wird. Und es geht dabei um das Verhältnis zu jenen Menschen, die unter dem SED-Regime gelitten haben. Wer dieses Spannungsfeld seit Jahren beobachtet, dem fällt es schwer zu hoffen, dass es zwischen Tätern und Opfern zu Gesprächen kommen kann.

Die aus Baden-Württemberg stammende Junkermann, seit 2009 Bischöfin der vor zwei Jahren neugegründeten EKM, hat auf der letzten Synode im Herbst 2010 einen Vorstoß gewagt, der ihr viel Kritik eingebracht hat. Schritte zur Versöhnung mit Menschen, die andere einst bespitzelt und verraten haben, sei eine Aufgabe, "die noch mehr vor als hinter uns liegt", hatte Junkermann in Wittenberg gesagt.

Sie betonte, auch wenn viele in der Kirche während und unter der DDR-Zeit gelitten hätten und sich berechtigt als Opfer verstünden, sollten Menschen, die dem Regime nahestanden, "nicht in Schubladen" gesperrt werden. Mit Menschen in Schubladen lasse sich "nicht reden und nicht Gesellschaft bauen".

Die "Vereinigung der Opfer des Stalinismus" (VOS) sprach daraufhin von einer "schallenden Ohrfeige für Verfolgte der SED-Diktatur. Der damals noch im Amt befindliche Beauftragte für die Unterlagen des Staatssicherheitsdienstes, Gerhard Ruden, riet Junkermann, sie hätte sich lieber bei den Opfern und den Aufarbeitern der SED-Diktatur kundig machen sollen. Und Ruden sprach von "einer verschwiegenen Front ehemaliger Funktionsträger" – womit er den Nagel auf den Kopf getroffen hat. Denn nur wenige sind bereit, offen zu sprechen.

Allerdings gerade an der Person Rudens zeigte sich die Schwierigkeit mit weißen Flecken in mancher Biografie: Der inzwischen abgesetzte Stasi-Beauftragte hatte in seiner Jugendzeit einen Freund in einem Stasi-Verhör im November 1968 belastet. Mit diesem Fakt vor einem Jahr konfrontiert, erklärte Ruden: "Wenn einer verhaftet wird, hat er ja wohl in erster Linie selbst daran Schuld." Ein Satz, der ihm sein Amt kostete. Weniger der Fakt, dass er seine Aussagen in einem Stasi-Verhör durch die Stasi in seiner Jugendzeit nie von sich aus thematisiert hatte.

Rudens Rat an Junkermann, mit den Opferverbänden zu reden, folgt die Bischöfin mit dem heutigen Gespräch im "Roten Ochsen". Soweit die Vorgeschichte. Was jedoch stark verwundert, ist, dass beide Seiten hinter verschlossenen Türen sprechen. Die heutige Veranstaltung war zunächst im Terminplan März 2011 der EKM angekündigt worden, dann aber vorgestern "als nicht öffentlich" erklärt worden. Das diene dem Schutz der Opferverbände, hieß es in der Behörde des Landesbeauftragten für die Stasi-Unterlagen. Außedem könnten bestimmte Dinge besser beredet werden, wenn die Presse nicht dabei ist. Die Veranstalter erklärten sich jedoch bereit, heute nach der Tagung für ein Pressegespräch zur Verfügung stehen zu wollen.

VOS-Bundeschef Johannes Rink, der an der Tagung mit weiteren Stasi-Opfern aus Magdeburg teilnimmt, schloss im Gespräch mit der Volksstimme eine Versöhnung mit den Tätern kategorisch aus. "Wenn die Täter auf breiter Front wenigstens Einsicht zeigen, dann sind wir zu Gesprächen bereit", sagte er. Von Reue sei jedoch bei den Tätern nichts zu spüren. Da sie juristisch nicht verurteilt wurden, fühlten sie sich auch nicht als Täter und verhöhnten nicht selten ihre Opfer.

Junkermann selbst kann man nicht absprechen, das brisante Thema nur im stillen Kämmerlein diskutieren zu wollen. Nach der heftigen Kritik zu ihrem Vorstoß auf der Synode stellte sie sich im März vorigen Jahres auf einem Forum christlich-demokratischer Juristen. In der Debatte erinnerte sie kritisch an den einstigen baden-württembergischen Ministerpräsidenten Hans Filbinger (1913-2007), der erklärte: "Was damals Recht war, kann heute nicht Unrecht sein."

Und in der Januar-Ausgabe der "Mitteldeutschen Kirchenzeitungen" spricht sie von einer "Wand des Schweigens zwischen denen, die zum Opfer, und denen, die zum Täter in einem durch die Stasi durchsetzten Beziehungsgeflecht geworden waren". Kann die Wand des Schweigens irgendwann gebrochen werden?