Von Anne-Beatrice Clasmann

Zu den dunkelsten Geheimnissen des libyschen Regimes gehört der Fall der mehr als 400 Kinder, die in einer Klinik von Bengasi mit dem HIV-Virus infiziert wurden. Bis heute ist nicht bekannt, wer die Schuld an dem schrecklichen Schicksal der Kinder trägt. Doch jetzt, wo das Gaddafi-Regime die Kontrolle über die Stadt verloren hat und die Zeugen von damals ohne Angst vor Repressalien sprechen, könnte die Wahrheit vielleicht bald ans Licht kommen.

Der letzte Geheimdienstmitarbeiter, der in der Klinik aufpassen sollte, dass niemand den Mund aufmacht, sei am ersten Tag des Aufstandes verschwunden. Das erzählt ein Angestellter der Klinikverwaltung. Fünf bulgarische Krankenschwestern und ein palästinensischer Arzt waren in einem Schauprozess angeklagt worden. Man warf ihnen vor, die Kinder Ende der 1990er Jahre absichtlich mit AIDS infiziert zu haben, entweder aus Hass auf das libysche Volk oder im Auftrag finsterer Mächte. Für westliche Prozessbeobachter wurden sie zu Sündenböcken eines Unrechtsregimes.

In dem kleinen Krankenhaus herrscht heute wieder Normalbetrieb. In den ersten zwei Jahren nach dem Skandal hatte es noch so gut wie keine Patienten gegeben. "Nur Notfälle und nur die Ärmsten der Armen kamen, weil die Menschen Angst hatten, sich zu infizieren", sagt Amel al-Saidi, die seit 15 Jahren im Labor der Klinik arbeitet.

Die Mitarbeiterin ist überzeugt, dass die Kinder mit Absicht infiziert wurden. Dass die Katastrophe auf mangelnde Hygiene zurückzuführen sei, schließt sie aus. Die infizierten Kinder hätten damals keine Transfusionen mit verseuchtem Blut erhalten: "Es waren Kinder, die bei uns wegen Magen-Darm-Krankheiten behandelt wurden und Infusionen erhielten."

Ali al-Tuwaiti hatte als Arzt in dem Kinderkrankenhaus gearbeitet, als die Epidemie ausbrach. Die Erinnerung treibt dem schmalen Mann die Tränen in die Augen. Ihn quält die Erinnerung an das Leid der Kinder und die Verzweiflung ihrer Eltern.

Einige Kinder starben, andere leben heute in einem eigens für sie errichteten Zentrum, weitgehend isoliert von der Außenwelt. "Ich kenne ein Mädchen dort mit HIV, das inzwischen 17 Jahre alt ist, es weigert sich, seine Medikamente zu nehmen, denn es will lieber sterben, weil es in dieser Gesellschaft keine Zukunft für sich sieht", sagt eine Krankenschwester der Kinderklinik. Das ausländische Klinikpersonal wurde damals inhaftiert, gefoltert, zum Tode verurteilt. Nach mehreren Prozessen konnten die Ausländer schließlich auf Druck verschiedener EU-Staaten im Juli 2007 das Land verlassen. In Bulgarien wurden die Krankenschwestern und der inzwischen eingebürgerte palästinensische Arzt begnadigt und freigelassen. Teil der Vereinbarung, die ihre Ausreise ermöglichte, war eine Zusage Frankreichs, bei der Fertigstellung einer neuen großen Klinik zu helfen.

In dieser Klinik, die 2009 eröffnet wurde und im Volksmund "1200-Betten" genannt wird, liegen heute unter anderem Verletzte, die von den Gaddafi-Truppen verwundet wurden. Der Kinderarzt Ali al-Tuwaiti arbeitet im vierten Stockwerk auf der Kinderstation.

"Die Kinder müssen sich durch Infusionen infiziert haben, aber es kann nicht sein, dass es durch mehrfach verwendete Spritzen geschah, so wie das einige Leute hier in Bengasi behaupten", sagt Al-Tuwaiti. "Denn wir benutzten fast ausschließlich Plaste-Kanülen, die man nicht mehr als einmal verwenden kann." Die ausländischen Krankenschwestern seien damals in mehreren Flügeln des Krankenhauses eingesetzt worden. Die Infektionen seien aber nur in einem der drei Fachbereiche aufgetreten, erklärt der Kinderarzt. Auch deshalb ist er überzeugt, dass es kein Unfall war.

"Es muss jemand gewesen sein, der Chaos stiften wollte oder der einen großen Hass auf die Einwohner dieser Stadt hatte", sagt Al-Tuwaiti. Einer der Ärzte, die damals in dem Krankenhaus arbeiteten, wird deutlicher. "(Staatschef) Muammar al-Gaddafi, er muss es getan haben, um diese Stadt zu strafen", sagt er. Beweise hat er nicht. Seinen Namen will er nicht veröffentlicht sehen. Die Angst vor der Rache des Regimes ist auch in Bengasi noch immer nicht ganz überwunden.(dpa)