Die Katastrophe in Japan hat die Pläne der türkischen Regierung für den Bau von zwei Atomkraftwerken nicht erschüttert. Während andere Industrienationen ihre Energieversorgung auf den Prüfstand stellen oder – wie im Falle Deutschlands – sogar Kraftwerke herunterfahren, gibt sich der türkische Ministerpräsident Recep Tayyip Erdogan unbeirrt. Er spielt besondere Gefahren von Atomunfällen herunter und verspricht seinem Volk eine technische Lösung für das Wagnis, in der immer wieder von schweren Erdbeben betroffenen Türkei solche Anlagen zu errichten.

Wunder mit Kehrseiten

"Es gibt keine Investitionen ohne Risiko. Anders ausgedrückt, man dürfte sonst auch keine Gasflasche benutzen", sagt Erdogan. "Und es dürften auch keine Ölpipelines im Land verlegt werden, denn bei jeder Bedrohung oder einem Angriff hat all das seinen Preis", meint er. Die Wunder der Technologie und der Industrialisierung hätten eben immer eine Kehrseite.

Während japanische Techniker in ihrer Heimat verzweifelt versuchen, eine drohende atomare Verseuchung weiter Landstriche abzuwenden, haben ihre Fachkollegen in Ankara in den vergangenen Tagen Gespräche über den Bau eines Atomkraftwerkes in Sinop am Schwarzen Meer geführt. Die Anlage soll nach den Vorstellungen Ankaras bis 2023 fertiggestellt werden.

Ein erstes Kraftwerk will die türkische Regierung aber am Mittelmeer errichten lassen. Russische Unternehmen sollen in Akkuyu im Süden des Landes vier Reaktorblöcke mit einer Leistung von insgesamt 4800 Megawatt bauen. Das Projekt soll etwa 15 Milliarden Euro kosten und 2020 fertig sein. Der staatliche russische Kraftwerkbauer Atomstroiexport hatte sich als weltweit einziges Unternehmen um den Bau beworben.

Allerdings ziehen sich aktive geologische Verwerfungslinien durch die Türkei wie in einer zersprungenen Glasscheibe. Die Kammer der türkischen Elektroingenieure warnte am Montag, der geplante Standort Akkuyu liege nur 25 Kilometer von einer solchen Verwerfungslinie entfernt.

Die Türkei steuert auf eine Energiekrise zu, weil sie trotz eines starken Wirtschaftswachstums bisher nicht ausreichend in den Bau von Kraftwerken und Infrastruktur investiert hat. Deshalb hält Erdogan an der Kernkraft fest. Und so empfing der russische Präsident Dmitri Medwedew den türkischen Ministerpräsidenten am Mittwoch mit großer Freude und Erleichterung in Moskau.

Denn Russland sagt der Atomenergie eine strahlende Zukunft voraus und Regierungschef Wladimir Putin befeuert die Atomoffensive. Das Land will mit dem Reaktorbau weltweit Milliarden verdienen.

Russland baue heute – 25 Jahre nach dem Super-GAU in Tschernobyl – Reaktoren mit modernen Sicherheitssystemen, bei denen im Störfall keine Menschen mehr eingesetzt werden müssen, um die Folgen zu beseitigen, sagte Putin. Es gebe heute auf der Welt schon ausgereiftere Kraftwerke als diejenigen in Japan, die aus den 1970er Jahren stammten und nun von Explosionen erschüttert werden.

Für seine Charmeoffensive in Sachen Atomenergie wählte der russische Regierungschef Wladimir Putin ausgerechnet das benachbarte Weißrussland. Die Ex-Sowjetrepublik, die nach dem Tschernobyl-Unglück radioaktiv stark verseucht wurde, soll nun ihr erstes Kernkraftwerk erhalten. Putin besiegelte in Minsk demonstrativ die Baupläne – Moskaus Signal für die Zukunft der weltweit umstrittenen Energieform. Zwar zeigte sich auch Putin betroffen wegen der Reaktorexplosionen in Japan. Doch er machte vor allem deutlich, dass an der Atomkraft kein Weg vorbeiführe.

Warnungen verpuffen

Der frühere Kremlchef forderte in Minsk angesichts der Ängste vieler Menschen vor Atomkatastrophen zusätzliche Sicherheitschecks für die russische Nukleartechnologie. In der Sache ließ er aber keinen Zweifel, dass er in der staatlich befeuerten Kernenergie eine strahlende Zukunft sieht. Die Atommacht strebt als Lieferant schlüsselfertiger Kernkraftwerke seit Jahren nach einer Führungsposition auf dem Weltmarkt.

Bis zum Jahr 2030 sollen allein in Russland 26 neue Atomreaktoren gebaut werden – zusätzlich zu den bereits bestehenden 32 Blöcken. Der staatliche Atomenergiekonzern Rosatom will zudem in den nächsten Jahren bis zu acht "schwimmende" Kernkraftwerke in Betrieb nehmen. Auch die russischen Staatsmedien befeuerten die Vorteile der atomaren Energie. So baue Russland grundsätzlich keine Atomkraftwerke in Gebieten mit Erdbebengefahr, versuchte das Boulevardblatt "Komsomolskaja Prawda" seine Leser zu beruhigen.

Auch zahlreiche Überlebende der Tschernobyl-Katastrophe kamen zu Wort, etwa mit Meinungen, dass ein solches Strahlenunglück wie damals wohl heute nicht mehr passieren könne. Ernsthafte Warnungen vor den Gefahren der Atomenergie stoßen dagegen traditionell kaum auf Resonanz. (dpa)