Von Gerald Semkat

Strom muss bezahlbar bleiben, fordern einst vorbehaltlose Befürworter der Atomenergie. Heute suggerieren sie, dass mit einem schnelleren Ausstieg aus der Atomenergie Strom viel teurer wird, unbezahlbar gar. Das klingt nach schlimmem Verzicht. Wäre es dann nicht besser, alles bliebe, wie es ist?

Nein. Das gilt nicht erst seit der Atomkatastrophe in Japan. Allerdings hat dieses Unglück die verdeckten Kosten der Kernkraft deutlich werden lassen: Über Jahrzehnte hinweg nicht bewohnbare Landstriche, bleibende Gesundheitsschäden bei sehr vielen Menschen, eine nachhaltig geschädigte Natur. Zudem ist die Endlagerung ausgebrannter Brennstäbe ungelöst.

Die Kernkraft steht nicht allein für die hässlichen Seiten der Energieerzeugung. Auch eine explodierte Bohrplattform im Golf von Mexiko, in deren Folge das Meer und weite Küstenstreifen verölt wurden, gehören zu den Kosten eines stetig wachsenden Energieverbrauchs. Hinzu kommen ausgebeutete Ressourcen und die Aussicht auf eine um mehrere Grad erwärmte Erdatmosphäre sowie Luftverschmutzung infolge des Verbrennens von fossilen Energieträgern in veralteten Kraftwerken.

Auch das sind verdeckte Kosten – und weltweite Folgen eines verschwenderischen Lebensstils, bei dem der für Energie zu begleichender Preis eine Marginalie zu sein scheint. Wäre das anders, würde es jedermann interessieren, ob beispielsweise der Fernseher Tag und Nacht im stand-by-Betrieb läuft, oder ob Hausfassaden gut oder schlecht gedämmt sind.

Die Angst vor dem Abschied von solchem Lebensstil schwingt mit in der hoch besorgt klingenden Forderung, nach bezahlbarem Strom – übrigens vor allem für die Industrie. Doch "nichts ist so wie vor dem 11. März", sagt Matthias Kleiner, der Co-Vorsitzende der von der Bundesregierung berufenen Atom-Ethik-Kommission mit Blick auf die Tsunami- und Atomkatastrophe in Japan. Der Präsident der Deutschen Forschungsgemeinschaft will die Diskussion nicht unter dem Etikett "Verlust" führen, vielmehr unter dem Blickwinkel der Chancen für eine exportorientierte Nation wie Deutschland.

Atomkraft ist ein Auslaufmodell, Energie aus Sonne und Wind gehört die Zukunft. Doch auch Silizium für die Solarzellen ist teuer und Windräder sind hässlich. Zudem haben Pumpspeicher im Gebirge nicht nur Freunde. Nun, wer zu allem Nein sagt, wird wohl Ausgabestellen für Lendenschurz und Talglicht einrichten müssen. Nur will niemand solch ein radikales Konsumverbot. Es sei aber die Frage erlaubt, ob quantitatives Wirtschaftswachstum das Allheilmittel ist oder ob dieses "immer mehr, immer höher, immer weiter" letztlich nicht unsere Lebensgrundlagen auffrist.

Sicher ist: Deutschland muss raus aus dem Mix aus versiegendem Öl, riskanter Kernkraft und schmutziger Kohle. Seriöse Schätzungen sprechen davon, dass die "Erneuerbaren" 2050 den Energiebedarf in Deutschland nahezu decken könnten. Dazu ist ein dezentrales System regenerativer Energien und intelligenter Stromnetze (smart grits) nötig.

Um aber erneuerbarer Energien vor allem in Offshore-Windanlagen weiter ausbauen zu können, müssen bis 2020 weitere 3600 Kilometer Leitungen im Übertragungsnetz gezogen werden, so eine Studie der Deutschen Energie-Agentur. So ein Umstieg kostet Milliarden von Euro. Er wird mit höheren Energiepreisen verbunden sein.

Technologisch hat Deutschland bei regenerativer Energie weltweit einen Vorsprung. Den auszunutzen und auszubauen, heißt Märkte zu gewinnen. Denn Energieprobleme bestehen weltweit. Derzeit investiert jedoch China mehr in regenerative Energien als jedes andere Land.

Eine Energiewende mit höheren Stromkosten würde den Druck erhöhen, Produktionsverfahren energiesparender zu machen. Wissen darüber, wie so etwas funktioniert, ließe sich auch gut exportieren. Oder: Wenn es in der Chemienindustrie gelänge, jeden Stoff, der verbaut wird, entweder zu kompostieren oder komplett wiederzuverwenden, würde das zum einen Energieeinsparungen versprechen zum anderen Umweltbelastungen verringern und Rohstoffe schonen. Das klingt utopisch, ist aber nicht unmöglich.

Eine Energiewende verspricht durchaus ein gutes Geschäft. So hat beispielsweise Siemens seine Geschäftsfelder um die Sparte umweltfreundliche Stadtentwicklung erweitert. Und ein großer Münchener Versicherer unterstützt das Solarthermie-Vorhaben Desertec in der Sahara. Man rechnet sich also gute Geschäfte aus und sieht eine Zukunft.