Von Yvonne Jennerjahn

Marlene Dietrich und Charlie Chaplin standen zeitweise auf der Gästeliste, die einstige US-Präsidentengattin Eleanor Roosevelt und andere sagten ab: Die DDR hat die Eröffnung der KZ-Gedenkstätte Sachsenhausen am 23. April 1961 dennoch zum großen Ereignis gemacht. Ab Mitte April erinnert die Gedenkstätte in Oranienburg nördlich von Berlin mit einer neuen Ausstellung an die Eröffnung vor 50 Jahren und ihre politische Instrumentalisierung in Ost und West.

Mehr als 100000 Menschen nahmen 16 Jahre nach der Befreiung vom NS-Regime an der Eröffnungsfeier im Schatten des Kalten Krieges teil. Kommunisten, Widerstandskämpfer, ehemalige Häftlinge, Bürgermeister von KZ-Standorten in Westdeutschland und Kirchenleute waren eingeladen. In der Bundesrepublik wurde das Ereignis dagegen weitgehend ignoriert.

Auf der Ehrentribüne in Sachsenhausen habe ein regelrechtes "Gedrängel prominenter evangelischer Theologen" geherrscht, beschreibt Ausstellungskurator Bodo Baumunk die Eröffnungsfeier. Die Pfarrer Martin Niemöller und Heinrich Grüber, einst selbst Häftlinge in Sachsenhausen, waren dabei. Der katholische Berliner Kardinal Alfred Bengsch habe die Teilnahme am Staatsakt abgelehnt, die evangelischen Bischöfe der DDR hingegen seien "fast vollständig" angereist.

Doch im Mittelpunkt der Feier standen nicht die Opfer des Nationalsozialismus, sondern die aktuelle Politik. Kurz vor dem Höhepunkt des Kalten Krieges und dem Bau der Mauer stand die Selbstdarstellung der DDR als "Friedensmacht", als antifaschistischer, sozialistischer und besserer deutscher Staat auf dem Programm.

Mehr als 200000 Menschen waren in dem 1936 als Modell- und Schulungslager der SS errichteten KZ bis 1945 inhaftiert. Ab 1938 hatte hier die Verwaltungszentrale aller NS-Konzentrationslager ihren Sitz. Zehntausende der Häftlinge von Sachsenhausen kamen durch Zwangsarbeit, Krankheiten, Misshandlungen und systematischen Mord ums Leben. Doch KZ-Häftlinge und jüdische Opfer hätten in den Festreden kaum eine Rolle gespielt, betont Baumunk. "Diejenigen, die am meisten gelitten haben, kommen fast gar nicht vor."

Es sei bedrückend, wie man die Opfer "derart verdrängen konnte im Zeichen des Systemkonflikts", sagt der Direktor der Stiftung Brandenburgische Gedenkstätten, Günter Morsch. "Die DDR hat das hemmungslos für ihre Zwecke instrumentalisiert." Doch auch im Westen hätten die NS-Opfer beim Thema Sachsenhausen nur eine untergeordnete Rolle gespielt, betont Morsch. Bis hinein in die SPD habe man sich dort vor allem mit dem 1945 in Sachsenhausen eingerichteten sowjetischen Speziallager beschäftigt.

Die Eröffnung der Gedenkstätte im Zeichen der Ost-West-Politik wird in der Ausstellung "Sachsenhausen mahnt!" mit rund 140 Fotos und historischen Schriftstücken dokumentiert. Fünf Film- und vier Hörstationen stellen Film- und Tondokumente sowie Ausschnitte aus Spielfilmen der Zeit vor. Themen sind neben der Eröffnungsfeier unter anderem der Eichmann-Prozess, die Invasion in der Schweinebucht ein Jahr vor der Kuba-Krise, der Umgang mit NS-Tätern im Westen und der sich abzeichnende Bau der Mauer.(epd)