Von Steffen Honig

Revolutionen in Arabien? Für den deutsch-israelischen Schriftsteller sind es maximal "Revolten", die sich seit Monaten zwischen Tunis und Sanaa abspielen. Denn, so argumentiert Noll – am Dienstag Gast der CDU-nahen Adenauer-Stiftung in Magdeburg – an den gesellschaftlichen Verhältnissen habe sich bislang grundsätzlich nichts geändert.

Chaim Noll spricht für sich selbst und sein Land Israel, was inhaltlich eine Einheit bildet. Und klare Unterschiede zur dominierenden Sichtweise in den USA und in Europa auf das Nahost-Geschehen aufweist. So stellt sich der Schriftsteller und Journalist explizit gegen die vom bekannten deutschen Islam-Wissenschaftler Udo Steinbach vertretene These zu einer einheitlichen arabischen Revolution.

"Die Situation ist ganz verschieden", sagt Noll und stellt etwa Tunesien und Ägypten, wo nach Verjagung der Despoten nach wie vor das Militär herrsche, gegen die Staaten der arabischen Halbinsel. Dort habe es zwar partielle Unruhen gegeben, aber die Regimes seien nicht gekippt. Eine Ausnahme sei Libyen, wo der Staat aus- einanderbrechen könne und Syrien sei eine große Unbekannte.

Für Noll belegt die Aufstandsbewegung, von der der Westen, er selbst aber nicht überrascht gewesen sei, "den Fehler, die Nahost-Probleme auf den israelisch-palästinensischen Konflikt zurückzuführen. Die eigentlichen Probleme seien durch diesen "absurden Ansatz", den auch die Rede des US-Präsidenten Obama 2009 in Kairo enthalten habe, "ausgeblendet worden". Das "explosive Potenzial" in den arabischen Staaten sei offensichtlich unterschätzt worden.

Dass die Palästinenser nicht revoltiert hätten, dafür hat der an der Grenze zum Westjor-danland lebende Noll eine einfache Begründung: "Sie haben etwas zu verlieren." Einen im Vergleich zu anderen arabischen Völkern hohen Lebensstandard, gespeist von einem Wirtschaftswachstum von sechs bis sieben Prozent in den zurückliegenden Jahren – auch in Folge des israelischen Booms im vergangenen Jahrzehnt.

Die israelische Siedlungspolitik, einer der Hauptkritikpunkte des engsten Israel-Verbündeten USA, sieht Noll gelassen. Die Siedlungen würden schließlich Arbeit für die Palästinenser schaffen, neben den Jobs mit denen sie in Israel selbst Geld verdienten. Nach anfänglichen Bedenken sehe er die Politik der Netanjahu-Regierung positiv, dass wirtschaftliche Kooperation wichtiger als Grenzziehungen seien, erklärt der Schriftsteller.

Wenig Verständnis hat er dafür, dass über den Sperrzaun, mit dem Israel die Palästinen-sergebiete von seinem Staatsgebiet abgetrennt hat, im Westen berichtet werde "wie über die Berliner Mauer". Denn der Zaun sei durchlässig. "Unerfreulich" findet der Mann aus der Negev-Wüste nur die Zerschneidung der Landschaft durch die Sperranlage.

Zu dem halbwegs harmonischen Bild, das Noll da zeichnet, passt jedoch nicht, dass die Palästinenser auf einem eigenen Staat bestehen. Sie wollen ihn notfalls im September einseitig ausrufen, wenn es bis dahin keine Übereinkunft mit Israel gibt.

Wie steht Noll zur Zwei-Staaten-Lösung, wie sie auch die deutsche Bundesregierung fordert? Dazu könne es überhaupt erst wieder kommen, seit Fatah im Westjordanland und Hamas im Gazastreifen einen Versöhnungskurs eingeschlagen hätten, antwortet der Gast aus Israel. Allerdings müsse man abwarten, ob die erklärte Versöhnung dauerhaft sei. Dann wäre zu klären, aus welchen Gebieten sich Israel zurückziehen solle, um die Existenz des jüdischen Staates in Frieden zu wahren. Eine einseitige Unabhängigkeit sei für Israel nicht akzeptabel: "Wir müssen uns letztlich auf unsere Verteidigungskraft verlassen."

Auch wegen des nach Meinung Nolls eigentlichen Großkonfliktes im Nahen Osten: der Auseinandersetzung zwischen dem "sunnitisch-arabischen Block", den im wesentlichen die Golfstaaten und Saudi-Arabien bildeten, und der schiitischen Großmacht Iran. Der Iran zeige sich dabei spätestens seit dem Aufstand in Syrien geschwächt und habe die Unterstützung für die Hisbollah drastisch zurückgefahren. Einen Grund sieht Noll in den gewaltigen Kosten, die das Atomprogramm Irans, bei dem es technisch immer hakt, verschlingt.

Für die Zukunft hofft Noll, dass sich durch die Aufstände die Situation für die Bevölkerung in den betroffenen Staaten entspannt und sich "zaghaft eine Demokratie entfalten kann". Den Europäern rät er zur Zurückhaltung bei ihrem Engagement – auch weil ein wachsender islamistischer Einfluss nicht auszuschließen sei.

Ein syrischer Student unter den rund 100 Gästen im Maritim-Hotel äußert noch einen Herzenswunsch: den Abzug Israels aus den besetzten Golan-Höhen. Große Hoffnung macht ihm Noll nicht: Zwar schwinde mit dem Ausbau von Wasserentsalzungsanlagen am Mittelmeer die strategische Bedeutung des Golans für die Wasserversorgung Israels, aber ein Rückzug wäre an einen Volksentscheid gebunden. Nach Nolls Kenntnis gibt es in Israel für einen Abzug keine Mehrheit.