Der Wehrbeauftragte des Deutschen Bundestags, Hellmut Königshaus, hat in Afghanistan die Bundeswehr besucht. Volksstimme-Chefreporter Bernd Kaufholz sprach mit dem FDP-Politiker kurz vor dessen Abreise am Sonnabend aus dem Camp "Marmal" bei Masar-i-Sharif.

Volksstimme: Welche Eindrücke nehmen Sie nach drei Tagen vom Hindukusch mit?

Hellmut Königshaus: Dass hier in Afghanistan viel passiert, das Camp in Masar-i-Sharif enorm gewachsen ist und noch größer wird. Das ist deshalb so beruhigend, weil für die deutschen Soldaten jeden Tag sichtbar wird, dass sie nicht alleine sind. Dass sie gemeinsam mit verbündeten Nationen, die für dieselben Werte einstehen, etwas für die Zukunft Afghanistans tun.

Volksstimme: Und in Kundus?

Königshaus: Dasselbe gilt für das Camp in Kundus. Ich bin froh, dass dort eine Reihe von Provisorien verschwunden sind und für die Soldaten etwas geschehen ist. Allerdings hat das viel zu lange gedauert. Und bei aller Freude darüber, darf man nicht vergessen, dass es immer noch Provisorien gibt, dass Soldaten immer noch in Zelten wohnen, weil die Ausstattung der Camps dem personellen Aufwuchs nicht hinterherkommt.

Besonders beeindruckt bin ich vom Einsatz der Soldatinnen und Soldaten, die in den zahlreichen Außenstützpunkten dafür sorgen, dass die Region sicherer wird, die wichtige Straßen sichern und somit viel zur Beruhigung der Lage in Nordafghanistan beitragen. Unsere Frauen und Männer machen einen tollen Job.

Volksstimme: Welche speziellen Kritiken haben die Soldaten an Sie herangetragen?

Königshaus: Leider höre ich immer wieder von altbekannten Mängeln, die eigentlich längst abgestellt sein sollten. Zum Beispiel beklagen viele Soldatinnen und Soldaten, dass ihnen bei der Einsatzvorbereitung zu Hause nicht die gleichen Fahrzeuge und Waffen zur Verfügung standen wie im Einsatzland. Leider gilt teilweise immer noch das Motto: Learning by doing im Einsatz. Und ich bin nicht sehr optimistisch, dass sich das bald ändern wird.

Ein Dauerbrenner ist auch die persönliche Ausstattung. Und da meine ich nicht, dass einer diese Hose, ein anderer jene bevorzugt. Es geht um das Fehlen von Nachtsichtgeräten, speziellen Bekleidungsgegenständen und auch um Feldbetten.

Außerdem fehlen auch immer noch geeignete und ausreichend geschützte Sanitäts- und Transportfahrzeuge. In nicht ausreichender Anzahl vorhanden sind auch geschützte Logistikfahrzeuge, zum Beispiel zum Bergen havarierter Fahrzeuge. Es mangelt zudem an wichtigen Fahrzeugtypen wie Transportpanzer Fuchs A8 und Allschutz-Transporter Dingo 2. Fahrzeuge, die unseren Soldaten ein Mehr an Sicherheit und Handlungsmöglichkeiten bieten.

Ärgerlich ist, dass wir hier seit neun Jahren im Einsatz sind und spätestens seit dem ersten Anschlag auf den Bus 2004 bekannt sein sollte, dass die Truppe diese Fahrzeuge braucht.

"Hals über Kopf raus – das will niemand"

Volksstimme: Welche Meinungen haben Sie zum Abzugsprozedere aus Aghanistan gehört?

Königshaus: Diese Punkte hat von sich aus keiner meiner Gesprächspartner angesprochen. Als ich allerdings danach gefragt habe, war die Meinung ganz klar: Man sei es den gefallenen Kameraden und all denen, ganz gleich, ob sie einmal oder mehrfach in Afghanistan im Einsatz waren, schuldig, dass eine begonnene Sache auch zu Ende geführt wird. Hals über Kopf raus – das will niemand. Ein Kamerad sprach davon, das sei so, wie einen Kuchen zu backen und nach der Hälfte das Gas abzustellen. Das deckt sich mit meiner Meinung.

Volksstimme: Wie schätzen Sie die aktuelle Situation in Afghanistan ein?

Königshaus: Nach einer Zeit verstärkter Anschläge hat sich die Situation im Norden spürbar beruhigt. Der Unterschied zur Zeit um Ostern 2010 ist mit den Händen zu greifen. Das neue Konzept, dem ein energisches Gegenhalten, ein Agieren, anstatt zu reagieren zu Grunde liegt, hat sich bewährt. Die Lage im Norden ist aufgrund der Operationen der Bundeswehr zusammen mit den Verbündeten und der afghanischen Armee ruhiger geworden. Ich habe den Eindruck, dass die Bedrohung eher nachlässt und dass wir auf dem richtigen Weg sind.

Volksstimme: In welchem Teil der Welt können Sie sich das nächste Aufgabenfeld der Bundeswehr vorstellen?

Königshaus: Über künftige Einsatzgebiete zu mutmaßen ist müßig. In vielen Gebieten der Welt gibt es Instabilitäten, die irgendwann unsere Sicherheit betreffen können. Dafür müssen wir gut vorbereitet sein. Erkannte Defizite für wahrscheinliche zukünftige Einsatzszenarien müssen abgestellt werden.

Volksstimme: Können Sie sich die Bundeswehr im Rahmen eines NATO-Mandats als Puffer zwischen den Palästinensern und den Israelis vorstellen?

Königshaus: Hätten Sie mich vor sechs Jahren gefragt, hätte ich nein geantwortet. Doch die Entwicklung ist vorangeschritten. Und ich glaube, spätestens seit dem Libanon-Einsatz sind beide Seiten davon überzeugt, dass Deutschland in dieser Beziehung ein ehrlicher Partner ist.

Volksstimme: Wäre solch ein Einsatz mit Blick auf die deutsche Geschichte und die Judenverfolgung überhaupt vertretbar?

Königshaus: Da sehe ich keine Probleme. Schauen Sie sich doch das deutsch-französische und deutsch-polnische Verhältnis an. Nicht nur, dass wir, obwohl Deutschland gegen beide Staaten einen Krieg begonnen hat, trotzdem gemeinsame Einheiten bilden. Inzwischen ist die Bundeswehr innerhalb dieser Einheiten sowohl in Frankreich, als auch in Polen stationiert.

Volksstimme: Haben sich die Soldaten während Ihres Besuchs zur Bundeswehrstrukturreform geäußert?

Königshaus: Das haben sie. Und es gibt viele Fragen, aber auch Befürchtungen. Zum Beispiel: Wie sieht danach mein ganz persönliches Laufbahnziel aus? Muss ich mit meiner Familie aufgrund von Standortschließungen wieder umziehen? Berechtigte Fragen. Aber die meisten können noch nicht beantwortet werden, weil zwar die Eckdaten schon feststehen, aber noch nicht klar ist, wie sie umgesetzt werden. Allerdings dränge ich darauf, dass die Struktur so gestaltet wird, dass mit den häufigen Versetzungen Schluss sein muss.

"Pionierschule in Havelberg wäre noch besser"

Fachliche Schwerpunkte sollten in den Regionen gesetzt werden. So dass zum Beispiel die Pioniere in Havelberg oder die Logistiker in Burg davon ausgehen können, das sie ihre Laufbahn in dieser Region absolvieren. Und wenn dann die Pionierschule noch nach Havelberg käme, wäre das natürlich noch besser.

Wofür ich mich mit aller Kraft einsetze, sind akzeptable Stehzeiten bei Auslandseinsätzen. Vier Monate sind genug. Eine schleichende Verlängerung auf sechs Monate wird es mit mir nicht geben und schon gar nicht die Umsetzung des Gedankens, dass ein Jahr noch viel besser wäre. Denn es ist kein Geheimnis, dass posttraumatische Erkrankungen mit der Länge der Einsatzzeit ansteigen. Und dass es unter den Soldaten, die immer wieder zu Einsätzen geholt werden, mehr Trennungen vom Partner gibt als im Durschnitt der Bevölkerung, ist ebenfalls nichts Neues.