Von Gerald Semkat

Klaus Töpfer erzählt einen Witz. Der geht so: Trifft die bleiche Erde auf ihrer Bahn einen anderen Planeten. Der fragt sie, warum sie so krank aussehe und was sie denn habe. Ihre Antwort: "Homo sapiens". "Das geht vorbei", spendet der andere Planet Trost.

Angesichts solch einer Aussicht bleibt einem das Lachen im Halse stecken. Der einstige Bundesumweltminister und langjährige Direktor des UNO-Umweltschutzprogramms hat den etwa 400 Zuhörern in der Magdeburger Johanniskirche soeben deutlich gemacht, dass es nicht um die Frage geht, ob die Welt noch zu retten ist – so das Thema der Veranstaltung am Freitagabend.

Vielmehr geht es angesichts des Treibhauseffekts um die Frage, was der Mensch tun und lassen muss, um auf diesem Planeten zu überleben. Wie also ziehen wir uns selbst aus der Klimafalle?

Wem jetzt einfällt, dass er vielleicht sein Auto auch mal stehen lassen sollte, oder überlegt, eine Fahrgemeinschaft mit Arbeitskollegen zu bilden, denkt in die richtige Richtung. Schließlich sorgt der Verkehr für 19 Prozent des weltweiten Ausstoßes von Kohlendioxid. Entlastung bringt jeder Kilometer, der nicht gefahren werden muss, oder jedes Auto, das besser ausgelastet ist.

Unter diesem Blickwinkel ist die Freude über den schwunghaften deutschen Autoexport nach China durchaus janusköpfig. Der führt nicht nur klimatisch in die Sackgasse, sondern auch zum Verkehrskollaps. So sind denn die Chinesen mit großem Tempo dabei, den öffentlichen Verkehr auszubauen, wie Töpfer berichtet.

Und wer darüber nachdenkt, dass er nicht jeden Tag Fleisch zum Leben braucht, ist gewiss nicht auf dem Holzweg. Denn auch die exorbitant hohe Fleischproduktion in den Industrieländern befeuert letztlich das Treibaus.

Wenn Töpfer, der auch Vizepräsident der Welthungerhilfe ist, davon spricht, dass in Deutschland jährlich 20 Millionen Tonnen Lebensmittel im Abfall landen, zugleich eine Milliarde Menschen hungern und 40 Prozent der in Entwicklungsländern eingebrachten Ernte auf dem Transport verdirbt, dann wird auch deutlich: Raubbau und Verschwendung sowie technische Rückständigkeit werden zur Bedrohung für alle. Es ist unsere Lebensweise, mit der wir kräftig an dem Ast sägen, auf dem wir sitzen.

Die Szenarien einer Klimakatastrophe sind hinlänglich bekannt. Und noch hat jeder der vier Sachstandsberichte (1990, 1995, 2001, 2007) des Zwischenstaatlichen UNO-Ausschusses für Klimaänderungen (IPCC) bekräftigt, dass der Mensch die Erderwärmung macht. Je jünger der Bericht, desto sicherer sei diese Erkenntnis geworden, so Bernd Hansjürgens, Ökonomieprofessor an der Martin-Luther-Universität Halle.

Der Wissenschaftler erforscht am Leipziger Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung ökonomische Instrumente der Umweltpolitik. Seinen Magdeburger Zuhörern vermittelt er anschaulich, dass die Theorie mittels "wunderbarer Integrale" eindrucksvoll demonstrieren kann, was bei welcher Kohlendioxidbelastung der Atmosphäre geschieht. Und er verdeutlicht, wie schwierig es sein wird, das politische, wissenschaftlich aber umstrittene Ziel zu erreichen, die Erderwärmung bis zum Jahr 2050 auf maximal zwei Grad zu begrenzen. Um dieses sogenannte Zwei-Grad-Ziel einzuhalten, muss weltweit die Emission der Treibhausgase bis 2050 gegenüber 1990 halbiert und die der Industriestaaten um mehr als 80 Prozent reduziert werden.

Technisch sei vieles möglich. Notwendig sei für Industrieländer, den Verbrauch von Energie bei der Produktion von Gütern zu senken. Hansjürgens spricht davon, die Produktion von Gütern und das Ausmaß der dafür aufgewandten Energie zu entkoppeln.

Allerdings sei der weltweit nötige Wechsel von fossilen auf erneuerbare Energieträger nach Prognosen der Internationalen Energieagentur nur sehr schwer zu erreichen. Weil diese Prozesse Marktprozesse und somit an Preise gebunden sind, erklärt Hansjürgens. Er fügt hinzu: "Gerade Kohle ist in Wachstumsländern hochgradig verfügbar. "

Nun sind es ausgerechnet die Industrieländer, die ihre Entwicklung zu Wohlstandsnationen auf der Basis fossiler Energieträger vollzogen haben. Ein Recht auf Entwicklung haben aber auch Schwellenländer und die afrikanischen Staaten. Wie glaubwürdig aber sind da Ratschläge aus den Industriestaaten noch, wenn 40 Prozent der Weltbevölkerung über 94 Prozent des weltweiten Einkommens verfügen und 60 Prozent sich gerade mal sechs Prozent teilen müssen?

Vor diesem Hintergrund wird es zum Problem, den Afrikanern glaubwürdig zu vermitteln, dass es dem gemeinsamen Überleben dient, wenn Industrieländer ihnen von fossilen Energiequellen abraten und sagen: "Schaut euch an, welche Ressourcen ihr habt, und wir helfen euch, die Technologie dafür zu entwickeln." Solch eine Kooperation führt Töpfer als einen möglichen Lösungsweg an.

Umweltökonom Hansjürgens spricht von drei unter großen Schwierigkeiten zu vollziehenden Revolutionen, um dem Klimaproblem erfolgreich zu begegnen: Eine Vertragsrevolution, die den Abschied bedeutet von Verträgen, an denen sich alle Länder beteiligen müssen. Zweitens eine Effizienzrevolution und drittens eine Technologierevolution.

"Überall wo wir Revolutionen brauchen, habe ich große Sorgen", so Töpfer trocken. Er erinnert an die heftige Diskussion um Mülltrennung und gelbe Säcke vor Jahren in Deutschland. "Heute ist Deutschland weltweit führender Hersteller von Anlagen zur Mülltrennung", argumentiert er dafür, dass Umweltpolitik der Wirtschaft große Chancen erschließt. Töpfer beruft sich auf den Grundsatz des Philosophen Karl Popper, dass Wissenschaft alles Vorhandene infrage zu stellen hat. Und er blickt voraus: "Irgendwann werden wir unsere Mülldeponien wieder öffnen, um Rohstoffe zu gewinnen". Und Kohlendioxid werde immer mehr zu einem Rohstoff für die Chemie und für die künstliche Photosynthese.

Das klingt ein bisschen wie "Yes we can" – Wir können es packen. Auch in Magdeburg. Das jedenfalls suggeriert ein Video, das zu Anfang der Veranstaltung gezeigt wird und Magdeburg als Stadt der Wissenschaft darstellt.