Von Steffen Honig

Ischchan Tschiftdschjan ist Armenier. Und hat doch Armenien noch nie gesehen. Ein Widerspruch, den er mit etwa fünf Millionen Angehörigen seines Volkes in der Diaspora teilt. Wie das bis heute andauernde Trauma des türkischen Genozids an den Armeniern im Ersten Weltkrieg.

Seit 1999 lebt der 36-Jährige Tschiftdschjan in Leipzig, hat hier evangelische Theologie studiert und arbeitet nun an seiner Dissertation. Daneben (oder zuerst?) ist er ein unermüdlicher Aktivist der armenischen Sache. Die Wahlheimat ist "kein Zufallsort", sagt Tschiftdschjan: "Es gibt historische Bezüge der Armenier hierher." Der Theologe verweist auf den armenisch-akademischen Verein, der Ende des 19. Jahrhunderts in Leipzig, Jena und Berlin wirkte und auf ein literarisches Kleinod: Das erste armenische Buch in Deutschland sei 1680 in Leipzig in armenisch und lateinisch gedruckt worden.

Geboren wurde Tschiftdschjan in Beirut. Seine Vorfahren überlebten den Völkermord, auch weil der Urgroßvater in der osmanischen Armee gedient hatte. Dann musste die in Kozan bei Adana lebende Familie Südostanatolien verlassen, ihr Glück in der Diaspora suchen. Der Libanon wurde zur neuen Heimat. "Fünf Prozent der libanesischen Bevölkerung sind Armenier", erläutert Tschiftdschjan.

Die Zahl der in Deutschland lebenden Armenier schätzt Tschiftdschjan auf 50000 bis 60000, etwa so viele, wie heute noch in der Türkei leben. Die bekanntesten Armenier hierzulande sind zwei Sportler: die Boxer Susi Kentikian und Avetik Abrahamjan, der als Arthur Abraham im Ring steht. Die größte Gemeinde in Köln umfasst rund 3000 Mitglieder. Auch der armenisch-orthodoxe Bischof in Deutschland sitzt in der Rheinmetropole.

Die armenische Kirche konnte jüngst, so Tschiftdschjan stolz, ein neues Gotteshaus in Sachsen-Anhalt weihen. Vor fünf Jahren hatte die katholische Kirche die St.-Hedwig-Kirche in Halle-Ammendorf aufgegeben. Nun ist sie als "Surp Harutyun" Gebetsort für eine Gemeinde von rund 60 armenische Familien.

Sachsen-Anhalt spielt seit rund 15 Jahren ohnehin eine Extra-Rolle in den deutsch-armenischen Beziehungen: als Gesamtvertreter aller Bundesländer gegenüber der Republik Armenien im Kulturbereich. Schulpartnerschaften und ein lebhafter Kulturaustausch – vor allem bei archäologischen Forschungen – haben sich seither entwickelt.

Als Mitglied im Zentralrat der Armenier in Deutschland verfolgt Ischchan Tschiftdschjan genauestens die Entwicklung des heutigen armenischen "Stammlandes", der kleinen Kaukasus-Republik mit gerade mal drei Millionen Einwohnern.

Als liege ein böser Fluch über Volk und Land, hat Armenien das Ausscheren aus dem Verbund der Sowjetrepubliken 1991 bisher kein Glück gebracht. Eingeklemmt zwischen zwei Feindesländern – der übermächtigen Türkei und dem ölreichen Aserbaidschan – kann sich Armenien nur mit russischer Unterstützung behaupten. Fast resignierend sagt Tschiftdschjan über Partner in der Region: "Wir haben nur Russland und den Iran." Welch ein Unterschied: Während das atom-versessene Regime in Teheran von der westlichen Welt geschmäht wird, ist Armenien existenziell auf gute Beziehungen zum Nachbarn Iran angewiesen.

Dabei schien zumindest die türkisch-armenische Verständigung bis Mitte April dieses Jahres auf gutem Wege zu sein. Doch dann stoppten die Regierungen in Ankara und Eriwan die Parlamentsabstimmungen über die im Oktober 2009 erzielte Vereinbarung über die Normalisierung der Beziehungen.

Die Türkei begründete den Boykott mit einem "ungünstigen politischen Umfeld" und meinte die Verurteilung der Armenier-Massaker durch die Parlamente in den USA und in Schweden. Armenien führte "unannehmbaren Vorbedingungen" an und meinte die türkische Forderung, den armenisch-aserbaidschanischen Karabach-Konflikt gleich mit anzugehen. Damit rückt auch in weite Ferne was Ischchan Tschiftdschjan und alle Armenier fordern und ersehnen: dass die Türkei den Mord an ihrem Volk nach fast 100 Jahren endlich anerkennt.

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