Z: Magdeburg ZS: MD PZ: Magdeburg PZS: MD Prio: höchste Priorität IssueDate: 21.04.2010 22:00:00
Ruth Jacoby (verheiratet, Mutter von zwei Söhnen) ist seit 2006 Botschafterin Schwedens in Deutschland. Anlässlich der 5. InterUnternehmerinnenKonferenz "Frauen gehen in Führung" war sie zu Gast in Magdeburg. Volksstimme-Redakteurin Bettina Koch sprach mit der Botschafterin.

Volksstimme: Eine Regierungsmannschaft, die größtenteils aus Männern besteht, ist in Schweden undenkbar, in Sachsen-Anhalt Realität. Braucht Deutschland eine Quote?

Ruth Jacoby: Die Diskussion um eine Quotierung ist sicher notwendig, sie wird auch in Schweden lebhaft geführt. Im öffentlichen Dienst und im Parlament sind Frauen und Männer in Schweden etwa gleichermaßen präsent, auch ohne Quote. Aber bei den Unternehmensvorständen liegt der Frauenanteil nur bei 25 Prozent. Da sind wir noch nicht am Ziel. Immer dann, wenn die Politik droht, eine Quote durchzusetzen, bewegt sich in den Unternehmen etwas. Lässt man locker, lassen auch die Bemühungen der Wirtschaft nach. Die Quote zu fordern, ist also nicht verkehrt. Außerdem ist es wichtig, Frauen in oberen Etagen zu haben, damit sie als Vorbild wirken und andere Frauen nachziehen können.

Die Wirtschaft in Europa kann es sich einfach nicht leisten, so gut ausgebildete Hausfrauen zu haben. Wir brauchen die Kompetenz der Hälfte der Bevölkerung. Das ist nicht nur eine Gleichstellungsfrage, sondern eine existenzielle Frage.

Volksstimme: Warum schaffen es viele Frauen trotz hoher Qualifikation nicht in die Führungsetagen?

Jacoby: Frauen glauben oft, sie müssen immer die Besten sein. Es gibt aber so viele dicke, faule und mittelmäßige Männer auf Führungsposten in aller Welt. Deshalb sage ich: Gleichberechtigung ist erst dann erreicht, wenn auch mittelmäßige Frauen in Führungspositionen kommen können.

Volksstimme: Wie kann die Politik, abgesehen von der Quote, dazu beitragen, Frauen in eine bessere Position zu bringen?

Jacoby: Sehr wichtig ist ein Steuersystem, das klarstellt, dass jeder Mensch für sein eigenes Einkommen und für seine Altersversorgung verantwortlich ist, egal, ob er mit jemandem zusammenlebt oder nicht. Es muss Frauen klar werden, dass sie in einem Beruf mit geringeren Einkünften später wenig Rente bekommen und die Diskriminierung somit ein Leben lang andauert. Das könnte ihre Einstellung verändern.

Volksstimme: Aber Frauen bekommen Kinder und werden dadurch oft aus der Karrierebahn geworfen oder gar nicht erst eingestellt. Selbst der Anspruch auf einen Platz in der Kindertagesstätte schützt davor nicht. Kinder können krank werden, was dann?

Jacoby: Die Gesellschaft braucht Kinder, und Kinder gehören nicht nur zu einer Frau, sondern zu Mann und Frau, die Verantwortung können sich beide teilen. Damit ist das Ausfallrisiko gleich, egal, ob die Firma eine junge Frau oder einen jungen Mann einstellt.

Volksstimme: Was hat der Unternehmer davon, diese Risiken einzugehen?

Jacoby: Je mehr Lebenserfahrungen in den Mannschaften man bündeln kann, desto erfolgreicher können sie sein. Junge und Alte, Frauen, Männer, Mitarbeiter mit und ohne Kinder, mit all ihrer sozialen Kompetenz, ihrem Wissen und Können. Gemischte Teams sind die besten.

Volksstimme: Wie sind Sie in Führung gegangen?

Jacoby: Als einziges Kind war ich sozusagen der älteste Sohn. Zu studieren gehörte für mich zum Selbstverständnis. Beim Ökonomiestudium Ende der 60er Jahre und dann im Auswärtigen Amt waren wir Frauen in der Minderheit. In den 70ern hat sich viel verändert. Es gab viele Frauen, die sich eingebracht haben.