Z: Magdeburg ZS: MD PZ: Magdeburg PZS: MD Prio: höchste Priorität IssueDate: 02.03.2010 23:00:00


Von Rudi Bartlitz

Seit gut 48 Stunden ist die Glut des olympischen Feuers nun erloschen, was bleibt von diesen XXI. Winterspielen?

Auf jeden Fall zunächst die Erinnerung an eine 16-tägige Dauerparty in Eis und Schnee. Vancouver wird wahrscheinlich als erster Winter-Ort in die Geschichte der Ringe-Spiele eingehen, bei dem sich die Begeisterung auf den Straßen und Plätzen, in Restaurants und Bars mit denen bei Sommerspielen (Beispiele: Barcelona, Sydney) durchaus messen kann.

Dabei war weiß Gott nicht alles goldig bei diesen olympischen Winterspielen. Gerade in der ersten Hälfte waren es Spiele der Zwischenfälle. Nicht alles hat funktioniert, die Organisation dieser Spiele hatte mehrere Mängel. Vollkommenheit um jeden Preis muss eben doch nicht sein.

Doch die Herzlichkeit der Gastgeber und die vielen bewegenden Momente, die Sportler aus aller Welt in Vancouver und Whistler zu schreiben wussten, hinterlassen ein breites Lächeln. Zwei Jahre nach den Perfektionsspielen von Peking, wo Beifall und Jubel noch per Knopfdruck zu haben waren, tat die Natürlichkeit der Kanadier der olympischen Idee sichtlich gut.

Spätestens seit Turin 2006 scheint allerdings ebenso klar zu sein, dass Olympia nicht nur in der warmen, sondern auch in der kalten Jahreszeit offenbar nur noch in Großstädten mit ihren entwickelten Infrastrukturen und Vermarktungsmöglichkeiten zu haben ist. Ein unübersehbarer und bedauerlicher Kotau vor dem Kommerz.

Plötzlich wurde zurückgerudert

Die Wetterverhältnisse an Kanadas Westküste haben aus manchen Wettbewerben eine Lotterie gemacht. Nach Vancouver stellt sich daher die generelle Frage, wo in Zukunft überhaupt noch Winterspiele stattfinden können. Zumal wegen der stets strengeren Anforderungen des IOC viele traditionelle Wintersport- orte nicht mehr mithalten können. Wenn es nicht allzu warm wird, kann Kunstschnee ein Ausweg sein. Und rein technisch gesehen könnten fast alle Wettkämpfe drinnen stattfinden. Da werden die nächsten Spiele 2014 im fast subtropischen Sotschi durchaus ein interessantes Experiment.

In Vancouver nötigten einige Anlagen die Teilnehmer zu waghalsigen Stunt-Shows. Motto:Höher, schneller, tot. Der junge georgische Rodler zahlte für eine auf Highspeed getrimmte Bobbahn den höchsten Preis. Auf alpinen Skipisten ereigneten sich schreckliche Unfälle top ausgebildeter Spitzenathleten.

Den Olympia-Machern, die diese gefährliche Entwicklung billigend in Kauf genommen hatten, fuhr der Schreck in die Glieder. Plötzlich wollte es keiner gewesen sein. Es wurde zurückgerudert. Die Jagd nach noch mehr Nervenkitzel bekam von der olympischen Bewegung die Rote Karte gezeigt. Sollte dies kein bloßes Lippenbekenntnis gewesen sein (was zu prüfen sein wird), wäre das ein großer Erfolg dieser Winterspiele.

Zum Sportlichen. Kanada hat der Welt vorgezeigt, wie ein bisher im Wintersport eher bedeutungsloses Land durch Engagement und ein nationales Großereignis zur Sportnation Nummer 1 werden kann. Eine Nation, die zuvor noch keinen einzigen Olympiasieg auf eigenem Boden errungen hatte, wurde Erster im Medaillenspiegel – 14-mal Gold eroberten die Athleten mit dem Ahornblatt. Die 80 Millionen Euro, die für diesen Triumph des Landes zwischen Atlantik und Pazifik flüssig gemacht wurden, haben sich allemal bezahlt gemacht.

Zweite (durchaus erfreuliche) Erkenntnis: Die deutsche Wintersportnation bleibt eine Großmacht auf Eis und Schnee. Mit zehnmal Gold (hinzu kamen 13 Silber- und 7 Bronzeplaketten) landeten ihre Sportler am Ende in der Nationenwertung auf Rang zwei. 19 der 30 Medaillen, davon allein acht goldene, gingen auf das Konto der Frauen.

Also: Was haben die Winter-Asse, was die anderen hierzulande nicht oder nicht in ausreichendem Maße haben? Zunächst das: Kontinuität. Seit der Vereinigung 1990 ließen sie ihre Fans noch nie hängen, mischen bei Olympia immer ganz vorn mit. Doch Kontinuität allein würde den kanadischen Gold-, Silber- und Bronzerausch kaum erklären. Bei den Schnee- und Eisleuten hat man nämlich schon in den früheren neunziger Jahren erkannt, dass das deutsche Leistungshoch nur unter einer Prämisse fortzusetzen ist. Und die lautet Konzentration. Denn die Wintersport-Erfolge gründen sich vor allem auf ein Stützpunktsystem, das es bei den Sommersportarten so nicht gibt.

Während beispielsweise die Leichtathleten ziemlich zerfleddert sind oder gar in Ein-Mann-Mini-Teams übten, sind hier die besten Athleten – egal, ob aus Ost oder West – in nur wenigen Orten zusammengezogen, trainieren bei den besten Übungsleitern des Landes und machen sich zudem untereinander über das gesamte Jahr Konkurrenz. Jedes Training ist hier, übertrieben formuliert, eine kleine Weltmeisterschaft.

Es gibt, sagen Experten, ein zu weiten Teilen in der DDR entwickeltes, gut funktionierendes Pyramidensystem, bei dem in der Regel vom Verein bis zum Weltcup-Team harmonisch zusammengewirkt wird. Eine ausgezeichnete Nachwuchsarbeit und die strikte Anwendung neuester Erkenntnisse der Sportwissenschaft tun ein Übriges.

In jungen Sportarten alt ausgesehen

Dennoch: Der mächtige hiesige Wintersport – dies ist eine der allerwichtigsten Lehren von Vancouver – darf die neuen olympischen Trends nicht verschlafen. Das ist, gelinde gesagt, noch höflich formuliert.

Grundlegend lässt sich festhalten: Je älter und traditioneller eine Sportart ist oder je größer ihr Bedarf an technischem Know how, desto besser beherrschen die Deutschen sie. Das gilt für Rodeln und Bob ebenso wie, mit einigen Abstrichen, für Biathlon und Eisschnelllauf.

Die Probleme beginnen bei Sportarten, wo Kinder und Jugendliche heute beim Wintersport richtig große Augen kriegen; wo sozusagen der Puls der Zeit schlägt. Denn in den jungen Sportarten sehen die Deutschen ziemlich alt aus. In Vancouver sprang für das schwarz-rot-goldene Team im Shorttrack, Snowboard und Freestyle nichts Zählbares heraus. Hier, so analysierten die Fachleute der Nachrichten- agentur dpa, "gehören die Asse des Deutschen Olympischen Sportbundes (DOSB) fast flächendeckend zur Dritten Welt".

Im Shorttrack gab es seit der Olympia-Aufnahme 1992 keine Medaille, im Freestyle (seit 1994) nur eine und im Snowboard (seit 1998) gerade mal drei Edelplaketten.

"Die Analyse hat schon begonnen, da brauchen wir ein Umdenken", versicherte denn auch Deutschlands höchster Olympier, Thomas Bach. Immerhin gibt es in diesen modernen Disziplinen 60 Medaillen zu gewinnen. In Kanada wurde aber keine einzige geholt. Das war auch der entscheidende Grund, warum die deutsche Mannschaft den erneuten Sieg in der Medaillenwertung verpasste.

Die deutsche Wintersport- Kultur, sagt Bach, ist aber eher klassisch und konservativ geprägt. "Es ist noch nicht so, dass eine Pistenkultur angekommen ist, wie es sie in den USA oder Kanada gibt", weiß der Chef des deutschen Sports. "Wir Deutsche sind eher geneigt, Jugendlichen zu sagen, die sollen erstmal ordentlich Langlauf und Schneepflug lernen, bevor sie so verrückte Dinge machen."

Zustimmung erhält Bach unter anderem von Alfons Hörmann, dem Präsidenten des Deutschen Skiverbandes. "Wie wollen wir im Medaillenspiegel 2014 und 2018 unter den Top drei bleiben, wenn wir diese Dinge nicht mit abdecken." (Kleiner Nebeneffekt: Die Mächtigen des DDR-Sports haben einst kaum anders argumentiert.)

So richtig diese Erkenntnisse sind, sie werden nicht leicht zu verändern sein. Tradition und Moderne stehen sich hier gegen- über. Wer am Ende obsiegt, ist noch offen. Und zu allererst eine Frage der für die Trendsportarten nötigen Sportstätten.

Eines sollte klar sein: Auf mehr Geld vom Bund, der sich allerdings schon jetzt sehr spendabel zeigt, kann nicht gehofft werden. Also läuft alles auf eine Umverteilung der Mittel hinaus.

Die vier aus Sachsen-Anhalt stammenden Athleten, die sich in Vancouver exzellent schlugen (einmal Gold, zweimal Silber) ficht eine derartige Diskussion zwar kaum an, sie bewiesen aber dennoch, dass auch außerhalb der Hochgebirge durchaus Stars geboren werden können. Und nicht übersehen sollte man ebensowenig, dass in unmittelbarer Nähe, im Westharz, in Clausthal-Zellerfeld, eine neue Biathlon-Hochburg heranwächst. Ruhpolding und Oberhof, aufgemerkt.