Einen seltsamen Appell haben 60 Persönlichkeiten aus Politik und Gesellschaft verfasst, um weitere Wirtschaftssanktionen gegen Russland zu verhindern. Der Ukraine-Krieg wird dort nicht erwähnt. Nein, es gibt keinen Krieg. Und sollte es zu einem Krieg kommen, dann ist "der Westen" schuld, weil er die Einflusszone Russlands nicht beachtet habe. Vor Jahren war es für viele der Unterzeichner des Appells legitim, dass souveräne Staaten sich ihren Bündnispartner selber suchen dürfen. Heute nennen sie das kriegstreibende "Ausdehnung des Westens". Das Sicherheitsbedürfnis Russlands sei genauso "legitim ausgeprägt" wie das der Ukraine. Haben die jungen russischen Soldaten, die seit Monaten heimlich beerdigt werden, wirklich die Sicherheit ihres Landes verteidigt?

Ein Krieg droht - zweitens - wegen der westlichen Wirtschaftssanktionen. Dabei ließe sich gegen eine "anerkannte Gestaltungsmacht" wie Russland sowieso nichts ausrichten. Der Appell empfiehlt stattdessen Entspannung. Der Umbau Russlands zu einer nationalistischen Diktatur mit der Krim als heilige Stätte spielt keine Rolle. Putins Anspruch, Beschützer der russischen Minderheiten aller Länder zu sein. Nicht so wichtig.

Man stelle sich die Reaktion unserer östlichen Nachbarn vor, wenn Europa Putin einfach gestalten ließe!

Bei den Unterzeichnern handelt es sich in der Mehrheit um Alt-Politiker aus Zeiten des Kalten Krieges, Wirtschaftslobbyisten und unbedarfte Künstler. Vielleicht erklären sich daraus die veralteten Koordinaten in der politischen Analyse, die interessengeleitete Ignoranz und die Weltfremdheit des Appells.