DVB-T - kaum da, schon bald wieder weg

Das Antennenfernsehen
DVB-T überträgt derzeit in Sachsen-Anhalt elf öffentlich-rechtliche frei empfangbare Programme. Das Land wird seit 2008 über fünf Sendeanlagen weitgehend flächendeckend versorgt.
Der Nachfolger heißt DVB-T2, ist aber noch nicht auf Sendung. Wer das zukünftig sehen möchte, benötigt einen neuen Fernseher oder eine neue Empfangsbox (etwa 100 Euro). Mit DVB-T2 könnten über 30 Programme in besserer Bildqualität (HD) übertragen werden. Weil DVB-T2-Fernsehen auch verschlüsselt werden kann, wollen sich die Privaten beteiligen. Wer sie sehen möchte, wird aber dafür extra bezahlen müssen.
Die Bundesregierung möchte, dass bereits 2017 DVB-T2 das alte Antennen-TV ablöst. Grund: Sie will schnell mehr LTE-Breitbandfunk zur mobilen Internetverbreitung zulassen. Das geht aus technischen Gründen erst nach Abschaltung von DVB-T.
Rundfunkveranstalter lehnen den Termin 2017 ab. Sie wollen eine zweijährige Übergangszeit von DVB-T zu DVB-T2, also einen Abschalttermin des heutigen Antennenfernsehens nicht vor Mitte 2019. Noch ist dieser Streit nicht entschieden.

Magdeburg l Zwischen der Bundesregierung, den Landesmedienanstalten und Rundfunkbetreibern findet derzeit hinter den Kulissen ein handfester Streit statt. Im Kern geht es darum: Was ist wichtiger? Mehr LTE-Breitband zur mobilen Internet-Versorgung oder Bestandsschutz für das digitale Antennenfernsehen DVB-T?

Setzt sich Bundesverkehrsminister Alexander Dobrindt (CSU) durch, würden in nur drei Jahren über drei Millionen Fernsehgeräte, die bundesweit regelmäßig nur mit der kleinen Stummelantenne auf Empfang gehen, schwarz bleiben.

Technisch verklausuliert als Erfolg verkündet

Denn Dobrindt tritt für eine Abschaltung von DVB-T spätestens 2017 ein. Richtig offen sagt er das nicht, im Gegenteil. Er verkündet die TV-Abschaltung technisch verklausuliert auch noch als Erfolg seiner Breitband-Offensive.

Die Kurzfassung geht so: Der Bundesverkehrsminister sagt, er will 2105 Frequenzen für mobiles LTE-Breitband versteigern lassen. So fließen viele Millionen Euro in die Staatskasse und die Internet-Anbieter können für besseren Empfang sorgen. Pech nur für alle DVB-T-Gucker. Denn die von Dobrindt ausgesuchten Frequenzen (700-MHz-Bereich) dienten bislang ausgerechnet der Verbreitung von DVB-T. Gewissermaßen als Ausgleich verspricht er den Ländern einen Großteil der Einnahmen dieser Frequenz-Versteigerung "für die Digitalisierung unseres Landes".

Der Laie mag sich fragen: Wieso versteigert Dobrindt nicht irgendwelche anderen Frequenzen? Antwort: Weil das mobile LTE-Breitband über besagte 700 MHz besonders weit zu empfangen ist. Das heißt: Weniger Sendetürme, geringere Kosten für Telekom, Vodafone Co. Aber: Solange auf 700 MHz Fernsehen stattfindet, kann kein LTE dort seine Dienste anbieten.

Nischenprodukt für Zweit- oder Drittgeräte

Womit wir wieder beim Fernsehen wären. Sicher. Das digitale Antennenfernsehen DVB-T ist ein Nischenprodukt. Aber es ist ein beliebter Empfangsweg vor allem für Zweit- oder Drittgeräte. Immerhin zehn Prozent der 39 Millionen deutschen TV-Haushalte gucken aktuell mit der kleinen Stummelantenne. Laut der Landesmedienanstalten nutzen bundesweit zwei Millionen Haushalte sogar ausschließlich DVB-T.

Und dieses DVB-T soll schon 2017 beerdigt werden? Mit Millionenaufwand wurden zwischen 2005 und 2008 in Sachsen-Anhalt fünf Sendestandorte aufgebaut. Neue Funktürme in Halle und Magdeburg. Zuletzt ging erst vor sechs Jahren der Fernsehturm Dequede bei Osterburg zur Versorgung der Altmark auf Sendung. Zum Vergleich: Opas altes analoges Antennenfernsehen gab es mehrere Jahrzehnte seit den 1930er Jahren.

Wie geht es weiter? Der Bundesverkehrsminister will noch im Herbst "einen ambitionierten Zeitplan zur Vergabe der Frequenzen mit den Ländern vereinbaren". Nächster Termin: IT-Gipfel in Hamburg am 21. Oktober.

Die Wortwahl "ambitioniert" ist stark untertrieben. Denn - und nun wird es ganz kompliziert - DVB-T soll bis 2017 nicht nur abgeschaltet, sondern an anderer Stelle im Frequenz-Dschungel auch noch durch den Nachfolger DVB-T2 ersetzt werden. Dieses neue Antennenfernsehen braucht neue Empfangsgeräte (siehe Infokasten).

ARD, ZDF und auch die Landesmedienanstalten machen aus ihrer Ablehnung kein Hehl. "Das ist völlig undenkbar und technisch nicht umzusetzen", schimpft Michael Richter, Projektleiter Digitaler Rundfunk bei der Medienanstalt Sachsen-Anhalt, über die Dobrindt-Pläne. Es gebe in naher Zukunft nicht nur keinen Mehrgewinn für die mobile Breitbandversorgung. Richter befürchtet, dass durch den Frequenz-Umzug viele Zuschauer schlicht den Überblick verlieren. "Sie finden die Sender nicht mehr."

MDR-Direktor: Dobrindts Pläne "keine gute Idee"

Ulrich Liebenow, langjähriger technischer Geschäftsführer bei der Telekom und Netzbetreiber Media Broadcast, ist seit 2011 Betriebsdirektor des MDR in Leipzig. "Keine gute Idee" sei eine Frequenz-Versteigerung 2015. "Vor 2018 macht das keinen Sinn."

Denn erst 2019 werden der Umzug und die Umstellung des Antennenfernsehens abgeschlossen sein. Liebenow: "Andere Ziele zu formulieren, ist zwar politisch löblich, aber unrealistisch."

Mitte 2019 sei mit der Abschaltung von DVB-T, wie es derzeit verbreitet wird, zu rechnen. Die Einführung von DVB-T2 werde 2017 beginnen und etwa zwei Jahre dauern. "Schneller geht es schon deshalb nicht, weil vor 2017 noch nicht genügend Fernseher am Markt sind, deren Technik DVB-T2 überhaupt empfangen kann", so der MDR-Direktor.

Wie auch immer die Fernsehzukunft aussieht: Fest scheint zu stehen, dass spätestens in fünf Jahren die Lichter beim heute üblichen DVB-T-Fernsehen ausgehen. Für den TV-Zuschauer draußen im Gartenstuhl bedeutet das dann: Neues Gerät, neue Empfangsbox oder ein gutes Buch lesen.