Ein Helmstedter an der Spitze des Handwerks
Seit 2010 ist Holger Schwannecke Generalsekretär des Zentralverbandes des Deutschen Handwerks und ist damit der oberste Interessenvertreter für knapp eine Million deutsche Handwerksbetriebe mit ihren knapp fünf Millionen Mitarbeitern.
Schwannecke wurde 1961 in Helmstedt geboren und ist gelernter Rechtsanwalt. Den elterlichen Betrieb, eine Holzverarbeitungsfirma, übernahm Schwannecke nicht. 1992 begann er seine Karriere beim Zentralverband des Handwerks in Berlin.
Schwannecke nimmt derzeit an der zweitägigen Herbst-Konferenz des Deutschen Handwerkskammertages (DHKT) teil, die derzeit in Magdeburg stattfindet. Die Hauptgeschäftsführer der 53 Handwerkskammern in Deutschland beraten dort handwerkspolitische Themen. (MS)

Volksstimme: Herr Schwannecke, die Stimmung in der Wirtschaft hat sich eingetrübt. Wie ist die Lage im Handwerk?
Holger Schwannecke: Die Handwerks-Konjunktur ist unverändert außerordentlich gut, sie ist unbeeindruckt von der gesamtwirtschaftlichen Eintrübung. Und dieses positive Klima zieht sich durch alle Bereiche vom Ausbau über Dienstleistungen bis hin zu Lebensmittel- und Gesundheitshandwerken. Wir rechnen mit zwei Prozent Umsatzwachstum in diesem Jahr und 25000 zusätzlichen Stellen.

Geben die Verbraucher mehr Geld für Handwerksarbeiten aus, weil sich das Sparen wegen niedriger Zinsen nicht lohnt?
Das Handwerk ist ein Wirtschaftsbereich, der stark vom Binnenkonsum abhängig ist. Momentan gibt es drei Gründe für die Lage: Die gute Arbeitsmarktentwicklung, die wachsenden Einkommen durch Lohnsteigerungen und der Niedrigzins. Das führt dazu, dass die Menschen eher investieren. Und viele geben Geld in den Bereichen aus, für die das Handwerk steht: für Häuser und Wohnungen aber auch für Schmuck oder Mode.

Glauben Sie, dass es so weitergeht?
Ich gehe davon aus, dass 2015 ein Jahr mit Wachstum wird, aber ein Jahr, das schwächer werden wird als dieses. Es gibt jetzt schon die eine oder andere dunkle Wolke am Konjunktur-Himmel und wir müssen höllisch aufpassen, dass nicht noch weitere dazukommen. Die Bundesregierung hat zuletzt eine Reihe problematischer Entscheidungen getroffen.

Welche meinen Sie?
Die schwarz-rote Regierung hat bislang ihren Schwerpunkt auf sozialpolitische Fragen gelegt. Da ist mit Blick auf die Mütterrente und die abschlagsfreie Rente mit 63 ungeheuer viel Geld gebunden worden, insgesamt ein dreistelliger Milliardenbetrag. Und das Geld fehlt uns. Wir haben in Deutschland einen großen Nachholbedarf, was Investitionen angeht, was Infrastruktur angeht. Es muss Schluss sein mit der verteilenden Sozialpolitik, wir brauchen eine Wirtschaftspolitik, eine Standortpolitik. Wir müssen die Wettbewerbsfähigkeit der Betriebe stärken.

Die Rente mit 63 war aus Ihrer Sicht nicht nötig?
Die abschlagsfreie Rente setzt psychologisch ein völlig falsches Signal. Schon jetzt liegen mehr als 140000 Anträge vor von Menschen, die sagen, sie steigen früher aus dem Arbeitsleben aus. Und das in einer Zeit, in der wir alles tun müssen, um Menschen länger in Beschäftigung zu halten. Da verstehe ich die Regierung nicht, das wird die künftigen Generationen noch beschäftigen.

Aber es gibt doch auch im Handwerk Arbeiten, die Arbeitnehmer mit 63 nicht mehr so leicht erledigen können.
Es gibt in der Tat ganz unterschiedlich anstrengende Gewerke. In manchen können Menschen auch nicht bis 67 arbeiten. Darum war unsere Botschaft immer, denjenigen, die nicht mehr können, zu helfen. Etwa über bessere Erwerbsminderungsrenten.

Und wir waren und sind dafür, die Arbeit für Ältere anders zu organisieren. Indem man sie für andere Tätigkeiten weiterqualifiziert oder für sie die Arbeitsumfänge reduziert. Das Signal ist dabei wichtig: Erstens, Du wirst noch gebraucht. Und zweitens, wir finden für Dich eine Möglichkeit der Beschäftigung, mit der Du zurechtkommst und wo wir als Betrieb Deine Erfahrung weiter nutzen können. Das Wissen der Älteren wird uns künftig fehlen.

Wie stark macht sich der Fachkräftemangel mittlerweile im Handwerk bemerkbar?
Das Handwerk sucht Fachkräfte und Nachwuchs. Zurzeit können wir 18000 Lehrstellen in Deutschland nicht besetzen. Der Bedarf ist da, aber wir kriegen die jungen Leute nicht. Und das hat zwei Ursachen: Der Bevölkerungsrückgang wirkt sich aus, wir haben immer weniger Schulabgänger, insbesondere im Osten. 2002 hatten wir noch 220000 Abgänger, zehn Jahre später nur noch die Hälfte. Die zweite Ursache besteht darin, dass immer mehr Jugendliche Abitur und Studium anstreben. Das kommt daher, dass man ihnen in den vergangenen Jahren gesagt hat, wenn ihr was werden wollt, geht studieren. Und das ist fatal. Wir müssen Jugendliche, Eltern und Lehrer davon überzeugen, dass es zwei Wege gibt, Karriere zu machen. Der eine Weg führt über die akademische Ausbildung, der andere über die berufliche Bildung. Und beide - das ist mir so wichtig - sind gleich viel wert. Beide begegnen sich auf Augenhöhe.

Was unternimmt das Handwerk in dieser Situation?
Die Handwerkskammern kooperieren mit den Universitäten, um die Studenten zurück zu holen, die es dort schwer haben. Das ist volkswirtschaftlich eigentlich verrückt, weil wir die Studenten erst mit viel Geld an die Unis getrieben haben und sie jetzt wieder dorthin zurück bringen, wo sie vielleicht von Anfang an besser aufgehoben gewesen wären. Denn das Handwerk bietet ja attraktive Berufsperspektiven. Mit dem Meisterbrief bieten wir eine fantastische Ausbildung zum Unternehmer, der Meisterabschluss steht mittlerweile auf einer Stufe mit dem Bachelor-Abschluss und macht auch Hauptschülern den Weg an die Hochschule frei. Es ist ein Bildungsweg, der offen, transparent und durchlässig ist. Eltern müssen sich nicht einreden lassen, ihre Kinder werden nur dann etwas, wenn sie eine Uni besuchen.

Inwiefern fehlt Jugendlichen im Computer-Zeitalter aber auch der Zugang zu handwerklichen Berufen?
Die Digitalisierung ist Alltag im Handwerk - vom Online-Shop bis zur computergesteuerten Fertigung. Aber wir haben das Problem, dass nach wie vor vielen nicht bekannt ist, was Handwerk überhaupt ist, welche tollen Chancen sich ergeben, wie vielfältig das auch ist. Nehmen Sie den Beruf des Seilers - das hat nichts mit Hüpfseilen zu tun. Seiler bauen Stahlseile für gewaltige Kräne genauso wie Präzisionsseile für die Mikrochirurgie. Aber auch Hochleistungs-Renn- yachten werden von deutschen Seilern ausgestattet. So was wollen wir jungen Leuten nahebringen und brauchen dafür in allen Schulen eine bessere Berufsorientierung, auch in Gymnasien.