Völlig unerwarteten Besuch erhielt dieser Tage Helga Freitag, die mit ihrem Mann seit 30 Jahren in ihrem Haus in der Burger August-Bebel-Straße wohnt. Wer da überraschend Einlass begehrte war Joachim Gremmes, Pfarrer im Ruhestand, der eine Gruppe Israelis im Gefolge hatte.

Von Roland Stauf

und Steffen Reichel

Burg l Aber nicht irgendwelche, sondern Nachfahren von einst in Burg ansässigen jüdischen Bürgern, die ihre Heimat verlassen hatten. Ganz konkret die Nachfahren des Georg Wittkowsky, der im Jahr 1934 nach Palästina auswanderte.

Georg Wittkowsky war einer von vielen europäischen Juden, die dem Ruf der zionistischen Bewegung folgten, in der alten Heimat der Juden, dem damaligen Palästina, einen eigenen, unabhängigen jüdischen Staat zu gründen. Dies geschah als Reaktion auf die antijüdischen Aktionen in vielen Ländern Europas, die schon zum Ende des 19. Jahrhunderts einsetzten und schließlich mit der Verfolgung und Vernichtung der Juden durch die Nazis ihren traurigen Höhepunkt fanden. Georg Wittkowsky entkam den Nazihenkern auf diese Weise. Er verkaufte frühzeitig sein Kaufhaus in der Schartauer Straße und rettete sich und seine Familie.

Georg Wittkowsky hatte sein Wohn- und Geschäftshaus in der Schartauer Straße an der Stelle, wo heute "Rossmann" seine Burger Filiale betreibt. Bereits ab 1922 kooperierte Wittkowsky mit dem Karstadt-Konzern, der dann 1925 anstelle des alten Kaufhauses Wittkowsky das neue, bis heute erhaltene Karstadt-Haus bauen ließ. Wittkowsky blieb Geschäftsführer und noch 1929 firmierte das Kartstadt-Haus mit dem Zusatz "vormals G. Wittkowsky".

Die Familie Wittkowsky wohnte bis 1934 standesgemäß in dem villenartigen Haus August-Bebel-Straße 21. Das Burger Adressbuch von 1932 weist Georg Wittkowsky nach wie vor als Geschäftsführer aus. Nach dem Weggang der Wittkowskys 1934 bekam die August-Bebel-Straße 21, die dann Kaiser-Wilhelm-Straße hieß, neue Bewohner. Das Adressbuch von 1935 weist Oberschulrat Dr. Hubert Tschersing und Polizeioberwachtmeister Walter Gerloff als Hausbewohner aus.

Die zusammen mit Joachim Gremmes vor Helga Freitags Tür standen waren Joram Witkon, der Enkel des Georg Wittkowsky, und seine Frau Zila, sowie deren drei Söhne, Lior, Eran und Roi mit den beiden Schwiegertöchtern Adi und Roni. Eine stattliche Anzahl von Leuten, die von Helga Freitag eingeladen wurden, das langjährige Wohnhaus des Georg Wittkowsky zu besichtigen. Auch wenn Helga Freitag von diesem Besuch gewissermaßen kalt erwischt wurde, war sie überaus freundlich, zeigte den Gästen Haus und Garten. Die noch vorhandenen Schiebetüren und die Holztreppe in die oberen Räume fanden großes Interesse. Joram Witkon wusste außerdem von einem kleinen Haus hinter dem Garten. Es diente als Garage und Wohnhaus des Chauffeurs von Großvater Georg.

Joachim Gremmes ist des Hebräischen mächtig. Und Joram Witkon spricht noch immer fabelhaft deutsch. Während des kleinen Stadtrundganges durch Burg erzählte er, dass in seinem Elternhaus nur deutsch gesprochen wurde. Und Joachim Gremmes freute sich, sein Hebräisch aufbessern zu können. So war die Kommunikation kein Problem. Gremmes hatte sich im Vorfeld schlau gemacht und konnte so die Wohnstätten der einzelnen Familienangehörigen des Georg Wittkowsky zeigen.

Selbstverständlich gab es ein Familienfoto vor der Rossmann-Filiale. Es wird seinen Platz neben dem Bild bekommen, auf dem Großvater Georg mit seiner Familie vor dem Karstadt-Kaufhaus stehend abgebildet ist. Dann ging es zum Breiten Weg. Joachim Gremmes zeigte den Gästen die Stolpersteine, die dort davon künden, dass hier einst die Familie Schubert wohnte, deren Mitglieder unter der Nazi-Diktatur umgebracht wurden.

Dann zum jüdischen Friedhof. Er ist nicht zugänglich, aber erhalten. Auf dem Rückweg gab es einen Stopp an der früheren Synagoge. Was daraus wird? Joachim Gremmes hat eine Idee, sie soll reifen. Auf jeden Fall muss das Haus würdig genutzt werden, es weiter verfallen zu lassen, wäre eine neue Sünde.

Aus Berlin kommend, machte die Familie in Burg Station, vier Stunden länger als geplant. Weiter sollte es nach Hannoversch Münden gehen, von wo Jorams Mutter stammte und wo die Familie Rosenberg bis 1935 ein Textilunternehmen hatte. Und dann über Dresden zurück nach Israel.

Was noch zu klären war: Woher kommt der Name Witkon, wenn der Großvater Wittkowsky hieß? Wittkowsky klinge für Hebräisch gewöhnte Ohren zu europäisch, darum die Änderung. Und wie sind die Witkons an Joachim Gremmes gekommen? Sie hatten Kontakt nach Hannoversch Münden. Dort erkundigte man sich, wer in Burg ein möglicher Ansprechpartner wäre...

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